Adrette Botschafterin des Tötens, Teil 2/2

wecker

Bild: Militärfreundlicher Film “Kongo”: “Was ist ein weiblicher Krieg?

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“Soldaten sind, man glaubt es nicht, aufs Sterben gar nicht so erpicht”, sang Reinhard Mey. Das soll sich jetzt ändern, denn Ursula von der Leyen, neue “Mutter aller Schlachten”, möchte den Soldatenberuf attraktiver und familienfreundlicher machen. Dazu gehört auch eine bessere Kinderbetreuung, quasi am Rand der Schlachtfelder. Soldaten soll der Rücken frei gehalten werden, damit sie getrost im Ausland kämpfen – und wenn’s blöd läuft die Frauen und Kinder anderer töten – können. Diesen gefährlichen Wahnsinn entlarvt die langjährige Friedensarbeiterin Ellen Diederich in ihrem leidenschaftlichen, gut recherchierten Artikel. “Nebenbei” deckt sie auf, worum es in Afghanistan eigentlich geht und was Krieg für Betroffene wirklich bedeutet. (Den ersten Teil dieses Artikels lesen Sie ein Stück weiter unten auf dieser Seite.)

„Die Ansprüche an Kriege sind gesunken. Verbrecher-Fahndung darf jetzt mit Streubomben betrieben (…) ein Land zerstört, (…) ein Massenmord an Zivilisten begangen werden, auch wenn am Ende kein einziger Verdächtiger gefasst ist, (…) die Zahl der Kriegstoten verschwiegen und das Beweisvideo in der Übersetzung entscheidend gefälscht werden.
Das Ergebnis des Krieges ist auch in den Maßstäben der Kriegsführer ein Debakel. Es ist kein fadenscheinigerer Vorwand für einen Krieg, kein schnellerer Abbau demokratischer Rechte, keine dümmere Rhetorik denkbar als die von Bush.

Es ist auch kaum eine konformere kriegsbegleitende Publizistik denkbar, keine uneingeschränkte Partnerschaft und keine entschiedenere Marginalisierung der Kritik. Kein einziger politischer oder humanitärer Einwand hatte auch nur den geringsten Einfluss auf diesen Krieg, den keine Diktatur hätte reibungsloser durchführen können.“
(Roger Willemsen, Kriegstagebuch in: Terrorismus, Öl und die geheime Außenpolitik der USA – oder Der 11. September und die Hintergründe des Krieges gegen den Terrorismus)

Vor allem während des Ost-West Konflikts, dem so genannten „Kalten Krieg“, wurden bereits Massenvernichtungswaffen entwickelt, deren Zerstörungsmöglichkeit jede Vorstellungskraft sprengt. „Würde eine Einzelperson derartiges ausbrüten, man müsste sie für wahnsinnig erklären und als öffentliche Gefahr einsperren. Nicht so ein Generalstab, nicht so eine Regierung. Den Exekutivorganen der Gesellschaft ist es erlaubt, Wahnsinnspläne zu spinnen, ja sogar unter dem Beifall eines Teils der öffentlichen Meinung konkret vorzubereiten.“
(Robert Jungk, Vorwort zu: Off limits für das Gewissen, Der Briefwechsel Claude Eatherly und Günther Anders, Hamburg 1961, S. 9)

Auf die Frage: Was ist Krieg? Gibt es viele Antworten. Ein Moment aber ist allen Definitionen inne:

Krieg ist keine Abstraktion.

Wie oft kamen der befürchtete Anruf oder die Email am Tag oder in der Nacht: Isabels Mann Orlando ist durch eine Autobombe im Washingtoner Exil durch den chilenischen Geheimdienst mit Unterstützung der CIA getötet worden. Anna arbeitet beim Komitee der Mütter der Verschwundenen in El Salvador. Ihre vierjährige Tochter wird nach unserer gemeinsamen Reise durch Europa, um über Salvador aufzuklären, absichtlich von einem Militär LKW angefahren und schwer verletzt. Carmen vom gleichen Komitee wurde von sechs Soldaten vergewaltigt, sie haben ihr eine Brust abgeschnitten, aus dem Militärbus auf die Straße geworfen in der Annahme, sie sei tot. Ein zufällig vorbeikommender Taxifahrer fand sie, brachte sie ins Krankenhaus, so wurde sie gerettet. Laura vom gleichen Komitee wurde nach unserer Reise von den Todesschwadronen geholt, vergewaltigt und gefoltert, ihr Sohn Oscar wurde im Gefängnis geboren. Maria musste endgültig aus Tschetschenien fliehen, lebt jetzt in einem der unsäglichen Flüchtlingslager in Inguschetien. Das Haus von Monicas Eltern in Nordirland wurde von einer Bombe getroffen. Monica trainierte Polizistinnen in Belfast, die sich um die Familien von Soldaten bei Anwendung von Gewalt kümmerten. Die IRA verfolgte eine Zeit lang jede Zusammenarbeit mit der Polizei. So war Monica höchst gefährdet. Wenn sie ihre Kinder zum Kindergarten brachte, ging sie immer als erste alleine in das Auto, drehte den Schlüssel um. Sie wollte sicherstellen, dass dabei keine Bombe gezündet wurde. Lara hatte die Vergewaltigungen in Bosnien nicht verkraftet, war wie versteinert, schloss sich der kroatischen Armee an. Gloria ist Bürgermeisterin von Apartado in Kolumbien. Die UNO hat sie als Bürgermeisterin des Friedens ausgezeichnet. Sie wird durch einen General öffentlich bedroht, ihr Leben ist gefährdet. Sumaya erzählte, dass sie in drei Monaten auf 26 Beerdigungen in Palästina war, unter den Toten viele Jugendliche, Freunde ihres Sohnes.

Die Liste geht endlos weiter.

Das Gegenteil von Krieg ist Frieden. Ich bin Friedensarbeiterin, seit 50 Jahren. Unsere Friedensarbeit ist nicht die der neutralen Beobachterinnen aus dem sicheren Abstand der Theorie oder des Geldes. Wir fliegen nicht, gut geschützt, für ein, zwei Tage in das Kriegsgebiet. Wir gehen dorthin, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren, Solidaritätsarbeit zu leisten, Öffentlichkeit herzustellen. Vor allem aber auch die Beteiligung unserer Länder an Kriegshandlungen durch Rüstungsexport, Entsendung von Soldaten, Teilhabe am Krieg zu dokumentieren und zu kritisieren. Im Laufe der Zeit sind Menschen zu FreundInnen geworden, die in Kriegsgebieten leben, bedroht sind. Das hat uns geprägt.

In einer Reihe von Umfragen, Zeitungsartikeln und Kommentaren wurde darauf Bezug genommen, dass mit Von der Leyen zum ersten Mal in der BRD eine Frau das Ministeramt für alles Militärische innehat. Im ersten Interview beim Soldatensender Radio Andernach spielte sie die Tatsache herunter. Nicht das „in“ hinten an ihrem Titel sei wichtig, sagte sie. Wohl wahr!

Nicht das Geschlecht oder die Hautfarbe sind ausschlaggebend, sondern vielmehr, welchen Zurichtungen und Drangsalierungen zur Anpassung an den Dienst in primitiven oder hochgerüsteten Armeen die Menschen, Männer und Frauen, ausgesetzt sind. Bei der NATO, der Bundeswehr, den Marines, den Ledernacken, den special forces, den Geheimdiensten und andere Militäreinheiten. Frauen sind auch nicht per se das friedlichere Geschlecht.

Welche Rollen haben Frauen in diesem Kontext? Sehr viele verschiedene, sie arbeiten in der Kriegsindustrie, sie versorgen als Ärztinnen und Krankenschwestern Wunden, für die wir nicht verantwortlich sind, hier haben wir eine lange Tradition! Sie sind Soldatinnen, Politikerinnen, die über Krieg oder Frieden mit entscheiden.

Frauen werden heute eben auch „Verteidigungs-“ bzw. Kriegsministerinnen. Selbst ein Teil der Feministinnen sieht die Beteiligung von Frauen am Krieg als Schritt zur Gleichberechtigung. „Einige unsere besten Soldaten tragen Lippenstift“ titelte die Zeitschrift Emma.

Frauen sind auch Bomberpilotinnen. Bombardierungen von Ländern wie dem Irak, Afghanistan und anderen durch die Allianz der „zivilisierten Welt“, in der nahezu alle Waffen produziert werden, geschehen aus dem sicheren Abstand des High Tech Krieges, zunehmend durch ferngesteuerte Drohnen.

Bei einer Diskussion mit einer britischen Bomberpilotin in Krefeld, die ihren Beruf so viel aufregender findet, als den Lehrerinnenberuf, den sie vorher ausgeübt hat, wurde ich gefragt: „Meinen Sie denn nicht, dass die Armeen jetzt durch die gleichberechtigte Teilnahme von Frauen am Krieg weiblicher und dadurch menschlicher werden?“

Ich fragte die Bomberpilotin: „Was ist ein weiblicher Krieg? Was ist eine weibliche Bombardierung? Holen Sie die Bomben erst in die Maschine, streicheln sie, spritzen etwas Parfüm darauf und binden Schleifchen darum, bevor Sie sie abwerfen? Oder was ist es sonst?“ Sie konnte die Frage nicht beantworten. Die PilotInnen werfen die Bomben. Unten rennen Frauen, Kinder und Männer um ihr Leben. Wir winken von oben: Schönen Gruß, diese Bombe wurde von einer Frau geworfen! Schönen Gruß von der Gleichberechtigung der Frauen aus den reichen Ländern. Die wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist: Was sind das für Rechte, die wir haben wollen?

„Wenn Gleichheit das Recht auf einen gleichen Anteil an den Profiten einer Wirtschaftstyrannei bedeutet, ist sie mit Emanzipation unvereinbar. Freiheit in einer unfreien Welt ist nichts als ein Freibrief zur Ausbeutung. Lippenbekenntnisse zum Feminismus in den Industriestaaten sind eine geschickte Verschleierung der Vermännlichung der Macht der Verweiblichung der Armut in den Entwicklungsländern.“
(Germaine Greer: Die ganze Frau, München 2000, S. 14 f.)

Um nicht missverstanden zu werden: Ich will auch keine Männer in den Armeen, ich will die Abschaffung aller Armeen.

In Afghanistan haben Feministinnen weltweit zu Recht die brutale Frauenunterdrückung angeklagt. Zu glauben aber, Frauenunterdrückung durch Bombardierungen beseitigen zu können, ist eine grausame Illusion. Auch Laura Bush äußerte sich zu Beginn des Krieges der USA in Afghanistan in diesem Sinne und forderte den Einsatz der US Kriegskräfte. Mit Frau Bush und den Marines gemeinsam gegen Frauenunterdrückung? „Unsere Demokratie“ soll diesen Ländern beigebracht werden, indem wir unsere Armeen dort hin schicken und ihre Länder bombardieren?

„Die Worte Freiheit und Demokratie jagen uns inzwischen einen Schauder über den Rücken.“ (Arundhati Roy)

In diesem Krieg geschieht also das, was wir aus vielen Kriegen kennen: Frauen werden instrumentalisiert, zu ihrem „Schutz“ steht der Krieger bereit. Im Kosovo Krieg wurde argumentiert, die NATO müsse eingreifen und bombardieren, damit im Kosovo keine Vergewaltigungen wie in Bosnien geschehen sollten. Der damalige Kriegsminister Scharping sagte, er habe ein gutes Gewissen in der Befürwortung dieses Krieges, seine Töchter seien auch dafür. In Afghanistan nun also sollten die Frauen befreit werden.

Shirin Ebadi, bislang die einzige Frau aus der islamischen Welt, die den Friedensnobelpreis erhielt, sagt: „Die Menschenrechte können niemals in einem Land durch äußere Einmischung erkämpft werden. Dafür müssen sich die BürgerInnen eines Landes selbst einsetzen!“

Und das tun sie auch:

„Meine afghanische Freundin Azadine ist Ärztin. Sie macht es wie der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie kämpft für Frieden. Der Präsident kämpft mit Bomben. Azadine mit Zetteln. Azadine zeigt ihre Zettel westlichen Politikern und Exilafghanen. Wieder und wieder. Stundenlang.

Seit über zwei Jahrzehnten, macht sie immer wieder das Gleiche. Sie spricht und kämpft und kämpft und spricht. Über die Lage in ihrer Heimat. Sie tauscht Ideen aus. Diskutiert. Streitet. Es geht um die Zukunft in ihrer Heimat. Um die Zukunft ihrer Kinder. Um ihre eigene Zukunft. Seit über zwei Jahrzehnten. Immer wieder. Zukunft. Ob in den Dörfern, Städten oder in den Zelten der Nomadinnen – die Frauen wollen Frieden.

Bomben sind Bomben, sagen Azadine und ihre Freundinnen. In wessen Namen sie geworfen werden, macht für uns keinen Unterschied. Alles, was wir wissen, ist, dass Bomben töten. Statt Bomben zu werfen, Krieg zu führen und ihre Söldner nach Afghanistan zu bringen, soll die Welt uns endlich helfen, unser Land wieder aufzubauen. Schließlich sind die über zwei Jahrzehnte andauernden Kriege nicht die der Afghanen. Nachdem die Sowjetunion und die USA abgezogen sind, haben Pakistan, Iran, Saudi-Arabien und wer weiß, wer sonst noch, und allen voran die USA ihren Krieg gegen Afghanistan fortgesetzt. Anders. Aber sie haben ihn fortgesetzt. Sie haben ihre Minen und ihre Waffen zusammen mit ihren Agenten und Spitzeln, zusammen mit ihren Söldnern und Marionetten in Afghanistan gelassen und haben sie angestachelt. Zum Brudermord.

Das letzte Mal hatte Azadine Namen von Vergewaltigern dabei. Dieses Mal stehen Namen von Toten auf ihren Zetteln, Namen von Kindern, Frauen und Männern. Getötet von Bomben der USA und ihrer Verbündeten. Es gibt immer mindestens einen anderen Weg als Krieg, sagen sie. Das Mindeste, was der Westen und die UN hätten tun müssen, bevor sie ihre Bomben auf Afghanistan abwerfen, wäre die Einrichtung von Schutzzonen für die zivile Bevölkerung gewesen. (…)

Für die Frauen in Afghanistan bedeutet Frieden, dass die Länder die ihnen seit 33 Jahren nichts als Krieg, Minen und Tote, Hunger, Krankheiten und Vergewaltigungen gebracht haben, ihre Minen, Waffen und Soldaten nehmen, das afghanische Volk um Vergebung bitten und gehen.

GEHEN!“
(Siba Shakib in Bomben sind Bomben – TAZ 24.12.2001, S. XIII)

Nehmen wir uns diesen Appell der afghanischen Frauen zu Herzen und in unser Handeln.

Für uns hier in Deutschland und der EU heißt das:
– Bekämpfung der Rüstungsindustrie und Stopp des Rüstungsexportes.
– Schrittweise Abbau der Bundeswehr und der Militarisierung der EU
– Einsetzen in der europäischen Union für Abrüstung.
– Die Rüstungsmilliarden sollen für die Lösung der dringenden Probleme, für soziale Gerechtigkeit eingesetzt werden.

Frau von der Leyen empfehlen wir bei ihrem nächsten Besuch in Afghanistan, sich mit denen zusammen zu setzen, die in diesem kriegszerstörten Land jetzt so lange gelebt haben. Vor allem auch mit den Frauen des Landes. Sie haben mit Sicherheit konstruktive Ideen, wie der Wiederaufbau des Landes entwickelt werden kann.

Die deutschen SoldatInnen vor Traumatisierungen, Verletzungen und der Zerstörung ihrer Familien zu schützen, geht am besten, wenn sie gar nicht erst in diese Kriegseinsätze gehen.

Ellen Diederich, Internationales Frauenfriedensarchiv
17. Januar 2014
friedensa@aol.com