Der Fluss des Geldes

EuroGrundlagenwissen zum besseren Verständnis des Geldes und der vom Geldsystem hervorgerufenen Probleme!
Das Wesen des Geldes

Verfasser: Egon W. Kreutzer,
Das Wissen der meisten Menschen über das Geld ist gerade einmal ausreichend,
um im alltäglichen Gebrauch ohne größere Havarie mit dem eigenen Geld über
die Runden zu kommen. Dabei ist die folgende Vorstellung wohl am weitesten
verbreitet:

„Geld ist einfach da. Wenn es nicht in der Ladenkasse, im Geldbeutel oder
unter dem Kopfkissen deponiert ist, liegt es im Tresor der Bank. Dort bleibt
es liegen, bis es vom Kontoinhaber wieder abgehoben wird oder bis es die
Bank an einen Kreditnehmer verleiht. Geld vermehrt sich durch Zinsen. Der
Kontoauszug informiert darüber, ob der Geldautomat vor dem nächsten Ersten
noch ein paar Scheine ausspucken wird, oder ob die Gefahr besteht, dass die
Karte einbehalten wird.“

Trotz jahrzehntelanger Gewöhnung an das Girokonto und trotz des umfassenden
Systems des bargeldlosen Zahlungsverkehrs wird immer noch angenommen, die
Kontoführung der Banken gäbe Auskunft darüber, wie sich der Berg von Münzen
und Scheinen, die der Staat irgendwann einmal zur Geldversorgung der
Wirtschaft herstellen ließ und der jetzt überwiegend in den Tresoren der
Banken liegt, aktuell auf die einzelnen Kontoinhaber verteilt.090328_geld

Dabei ist es tatsächlich so, dass der allergrößte Teil des modernen Geldes
keinerlei körperliche, materielle Existenz hat und völlig unabhängig von
Banknoten und Münzen als nackte Information existiert. Doch diese Tatsache,
dass nämlich der Großteil des Geldes keine andere Substanz und keine andere
Basis hat, als die von der Bank in den Konten notierten Ziffern, ist kaum zu
vermitteln. Ganz hartnäckig hält sich die Vorstellung, die Kontenführung der
Banken sei eine Art „Inhaltsverzeichnis“ für den Tresor, weil es eine Zahl
auf dem Konto doch nur geben könne, wenn es irgendwo auch das dazugehörige
„richtige Geld“ gibt.

Dazu eine nüchterne und aktuelle Information:

Von der immer noch bestehenden Deutschen Bundesbank wird monatlich eine
Statistik veröffentlich, die den „Deutschen Beitrag zur konsolidierten
Bilanz der monetären Finanzinstitute (MFIs) im Euro Währungsgebiet“
nachweist. Zum Schluss des Jahres 2002 war dort folgendes Verhältnis
zwischen dem in Deutschland vorhandenen Bargeld (Banknoten, Münzen) und dem
deutschen Beitrag zur Geldmenge M3 angegeben:

 Bargeldumlauf in Deutschland     

 89,4 Milliarden Euro
 Deutscher Beitrag zur Geldmenge M3     

 1.545,2 Milliarden Euro

Das entspricht einem Verhältnis von ungefähr 1:17 und bedeutet im Klartext:
Auf jeden Euro, der in Form von Bargeld im Umlauf ist, kommen weitere 16
Euro, die nur und ausschließlich auf dem Papier stehen. (Auf dem Papier, aus
dem die Kontoauszüge der Banken sind.)

Kein vernünftiger Mensch, der diese – immerhin von der Deutschen Bundesbank
veröffentlichten – Zahlen kennt, wird noch bestreiten wollen, daß nur ein
kleiner Teil des modernen Geldes in Form von Scheinen (Noten) und Münzen
körperlich existiert. Der Rest des Geldes ist nichts als Information über
Guthaben und Schulden auf den Konten. Von da aus ist es nur ein kleiner
gedanklicher Schritt bis zu dem Schluss, dass Scheine und Münzen völlig
überflüssig sein werden, sobald sich der elektronische Zahlungsverkehr und
insbesondere die Chipkartentechnik endgültig durchgesetzt haben wird. Das
heißt aber auch, dass man die Scheine und Münzen dann, sobald ihr Gegenwert
einem Konto gutgeschrieben ist, einfach vernichten könnte, ohne dass damit
wirklich „Geld“ verloren ginge.

Daraus folgt dann im letzten Schluss, dass auch der Schein als solcher und
die Münze an sich im Grunde „wertlose“ Gegenstände sind, die für uns nur
deshalb einen Wert repräsentieren, weil sie die Ikonen sind, an denen sich
unser Glaube an das Geld festhalten kann. Dieser Glaube beschränkt sich auf
die Annahme, dass jedermann innerhalb eines Währungsgebietes bereit sein
wird, eine ziemlich präzise vorhersehbare Menge an Gütern und Leistungen aus
seinem Angebot gegen einen bestimmte Summe Geldes abzugeben. Der
aufgedruckte Wert eines Geldscheines ist folglich – genau wie die Zahlen auf
dem Konto – nichts anders, als eine zuverlässige Information über die
Geldmenge, die dem Besitzer von Geldschein bzw. Konto als Tauschmittel zur
Verfügung steht.

Geld erleichtert den Handel, es ermöglicht ihn zum großen Teil überhaupt
erst. Also ist Geld für jeden, der Handel treiben will, für Käufer und
Verkäufer, für Produzenten und Konsumenten ein sehr wichtiges Instrument,
das seinen Wert verlöre, könnte man es einfach an der nächsten Straßenecke
finden, aufheben und einstecken. Es muss also selten und knapp und schwer zu
beschaffen sein. Vor langer Zeit, als Geld noch aus Edelmetallen hergestellt
wurde, war der Wert des Geldes einfach durch den Wert des seltenen, knappen
und schwer zu beschaffenden Edelmetalles repräsentiert. Das galt auch noch,
als die Währungen durch Gold gedeckt waren, als man also von der Notenbank
verlangen konnte, ihre Banknoten in Gold einzutauschen.

Heute, in einer Zeit, in der das Geld völlig losgelöst von jedem materiellen
Wert existiert, entsteht die Knappheit daraus, dass Geld nur demjenigen zur
Verfügung gestellt wird, der glaubhaft versichern kann, dass er in der Lage
sein wird, das Geld nach dem Gebrauch zurückzugeben und für die Dauer des
Gebrauches eine Leihgebühr zu entrichten, den Zins. Doch erst wenn der Bank
ausreichende Sicherheiten geboten werden, aus denen sie sich bedienen kann,
falls die Rückzahlung doch nicht gelingt, steht der „Herstellung“ des
benötigten Geldes nichts mehr im Wege.

Geld ist also nicht einfach da.

Geld wird erst bei Bedarf und nachgewiesener Bonität zur Verfügung gestellt.
Diese Aufgabe nehmen die Geschäftsbanken wahr. Die Idee dahinter ist
einfach: Die Bank erklärt – durch Buchung auf dem Konto – dass ein Kunde
berechtigt sei, eine gewisse Menge Geldes zu benutzen. Sie schreibt diesen
Betrag dem Girokonto des Kunden gut und belastet damit das Kreditkonto des
Kunden. Doch damit ist das Geld noch nicht entstanden. Kunde und Bank
könnten sich jederzeit darauf einigen, die Buchungen rückgängig zu machen.
Alles wäre wie vorher – die Kreditgewährung selbst ist also nur eine – wenn
auch unumgängliche – Vorstufe zum Geld.

Erst in dem Augenblick, in dem der Kunde aus dem Kreditbetrag der seinem
Girokonto gutgeschrieben ist, eine Überweisung vornimmt, bzw. dann, wenn ein
von ihm ausgestellter Scheck eingelöst wird, ist tatsächlich Geld entstanden
und auch wenn er sich an der Kasse Bargeld abholt, also die Information auf
dem Konto gegen die Information in seiner Brieftasche austauscht, ist der
Prozess der Geldschöpfung abgeschlossen. Erst wenn sich das Guthaben vom
Kredit getrennt hat, wenn es also bei einem Dritten angekommen ist, der von
der Tilgungsverpflichtung aus dem ursprünglichen Kreditvertrag nicht
betroffen ist, oder wenn es in Bargeld ausbezahlt wurde, ist Geld
entstanden.

Dieses Geld beginnt dann seinen Weg durch die Wirtschaft, – vergleichbar dem
Wasser, das von der Quelle zum Meer strömt – und bewegt sich mehr oder
weniger schnell, dem Sog der Tilgungsverpflichtung folgend, von Konto zu
Konto und kann dabei – je nachdem, welchen Weg es nimmt – großen Schaden
anrichten oder großen Nutzen stiften. Es verhält sich genauso wie das
Quellwasser, das auf einem guten Weg zum Meer hunderte von Mühlrädern und
Generatoren antreiben kann, das zum erfrischenden Bade einlädt, das schwer
beladene Schiffe trägt und den Fischen einen Lebensraum bietet, das aber
unter unglücklichen Umständen auch als reißender Sturzbach, als
Flutkatastrophe oder als zerstörerisches Treibeis daherkommen kann.

Der Weg des Geldes durch die Welt endet, sobald es benutzt wird, um einen
Kredit zurückzuzahlen. Es hat dann seinen Zweck erfüllt und ist restlos
verschwunden, auch, und das ist die Regel, wenn der Kredit, der damit
getilgt wird, ein ganz anderer ist, als der, aus dem es ursprünglich
entstand.

Die Sache hat nur einen Haken. Das Geschäft des Kunden mit der Bank ist erst
dann wirklich abgeschlossen, wenn nicht nur der geliehene Betrag getilgt
ist, sondern wenn auch die vereinbarten Zinsen gezahlt wurden. Das ist
tatsächlich ein äußerst gefährlicher Haken, der schon so manchen Fisch ganz
unverhofft aus seinem Element gerissen hat. Denn das Geld, das benötigt
wird, um die Zinsen darzustellen, wird im ursprünglichen Kreditvertrag nicht
geschaffen.

Es existiert nicht, die Zinsen können gar nicht bezahlt werden, es sei denn

Es sei denn, Geld, das aus einem anderen Kredit entstanden ist, wird für die
Zinszahlung eingesetzt. Das erschwert natürlich die Rückführung dieses
anderen Kredites gleich doppelt und an eine vollständige Tilgung und
Zinszahlung ist gar nicht zu denken, wenn es nicht gelingt, über weitere
Kredite so viel Geld zu schaffen, dass immer neue Zinsen aus immer neuen
Krediten bedient werden können.

Geld kann also nur existieren, weil eine stille Übereinkunft existiert,
daran zu glauben, dass in der Zukunft mehr Geld vorhanden sein wird, als in
der Gegenwart, dass also die Schulden im Währungsgebiet mindestens in dem
Maße wachsen, wie es die Zinsverpflichtungen erfordern.

Es gibt aus diesem System keinen Ausweg. Um es am Leben zu erhalten,
erfordert es ein ständiges Wachstum der Verschuldung, denn auch das Bargeld,
die schönen bunten Banknoten, die im Auftrag der Zentralbanken von
hochspezialisierten Druckereien möglichst fälschungssicher hergestellt
werden, sind zunächst kein Geld, sondern nur besondere Formulare. Formulare
die erst dadurch zu Geld werden, dass eine Geschäftsbank sich in
entsprechender Höhe bei der Zentralbank verschuldet und sich den
Darlehensbetrag zur Auffüllung der eigenen Kassenbestände als Bargeld
auszahlen lässt. Bargeld ist also tatsächlich nichts als eine besondere
Erscheinungsform des Giralgeldes. Eine Erscheinungsform, mit deren Hilfe es
dem Giralgeld gelingt, sich von der Bindung an das Bankkonto zu lösen und
über eine gewisse Zeit eigene und völlig unkontrollierbare Wege zu gehen.

Sobald das Bargeld allerdings wieder am Schalter einer Bank einbezahlt wird,
steht es in höchster Gefahr, wieder zum wertlosen Formular zu werden und
wenn der Bargeldbestand einer Bank die geplante Bandbreite überschreitet,
werden die schönen bunten Scheine tatsächlich an die Zentralbank
zurückgegeben, wo sie im Keller verschwinden und dort solange das Dasein
wertloser Formulare fristen, bis sie erneut verliehen werden.

 

Halten wir fest:

Geld entsteht dadurch, dass ein Kredit gewährt und in Anspruch genommen
wird. Geld verschwindet vollständig, wenn es zur Tilgung eines Kredites
verwendet wird. Übrig bleibt die Zinsforderung, die nur durch einen
weiteren, zusätzlichen Kredit befriedigt werden kann.
(und hier gibt’s das alles haarklein zum schrittweisen Nachvollzug
http://www.egon-w-kreutzer.de/Geld/Geldhaarklein.html)

So viel zum modernen Geld in seiner Funktion als Tauschmittel. Wir kennen
und schätzen das Geld aber doch auch als Wert an sich. Wir legen Geld an,
wir haben Geld auf dem Konto, wir haben ein Wertpapierdepot,
festverzinsliche Schuldverschreibungen und Aktien. Wir haben
Lebensversicherungen und Bausparverträge. Alles unser Geld, oder?

Diese Funktion des Geldes, die es ihm erlaubt, nicht nur Tauschmittel,
sondern auch Wertaufbewahrungsmittel zu sein, zwingt uns zu einer neuen
Unterscheidung. Wir müssen zwischen wirklichem Geld und Geld-Vermögen
differenzieren. Als Geld können wir nämlich guten Gewissens nur das Bargeld
und die sofort verfügbaren Guthaben auf dem Girokonto bezeichnen. Die
Finanztechniker sind etwas großzügiger und nehmen in die Definition der
Geldmenge M3 auch Sparguthaben mit kurzen Kündigungsfristen und sonstige
kurzfristigen Einlagen auf, wobei sich diese Definition immer wieder ändert.
Zur Zeit liegt die endgültige Grenzlinie zwischen Geld und Geldvermögen
ungefähr da, wo die Festlegungsfristen größer als zwei Jahre werden.

Als Geldvermögen bezeichnen wir also alle Guthaben und Forderungen auf Geld,
bei denen durch die langfristige Anlage ein langfristiger Verzicht auf die
eigene Nutzung des Geldes dokumentiert ist. Geldvermögen bringen in aller
Regel Zinserträge. Zum Geldvermögen zählen festverzinsliche Wertpapiere
ebenso, wie langfristige Spareinlagen. Auch die Rückkaufswerte der
Lebensversicherungen und die angesparten Summen im Bausparvertrag sind
Geldvermögen. Aktien, als Anteile an Unternehmen, begründen keine Forderung
auf einen Geldbetrag und zählen daher nicht zum Geldvermögen, sondern zu den
Sachwerten, auch wenn dieser feine Unterschied von vielen Statistikern nicht
mehr beachtet wird.

Zur Problematik der Funktion des Geldes als Wertaufbewahrungsmittel ist
grundsätzlich zu sagen:

        Je munterer das Geld von Hand zu Hand, von Konto zu Konto fließt, je
mehr Tauschvorgänge also zwischen dem Entstehen des Geldes und seinem
Verschwinden im Zuge einer Tilgung damit vollzogen werden können, desto
geringer ist die direkte Zinsbelastung der einzelnen Transaktionen, die vom
Geld ermöglicht werden.

Geld, das als Bargeld unbewegt im Safe liegt, ist dem Währungsgebiet als
Tauschmittel entzogen. Damit entsteht die Notwendigkeit, zusätzliche Kredite
auszureichen, um den Geldbedarf zu befriedigen. Da die Kreditschöpfung der
Banken durch das Instrument der Mindestreserve (ausgedrückt im Verhältnis
von kurzfristigen Einlagen zur maximalen Kreditschöpfung) begrenzt ist, wird
der wachsende Kreditbedarf zunächst zu einem Anstieg der Zinsen führen. Wenn
das Bargeld dann in eine langfristige Anlage umgewandelt wird, die es der
Bank erlaubt, ihre Kreditschöpfung zu erweitern, trägt es – dank der
vorherigen Hortung – höhere Zinsen.

Geld, das als Guthaben auf dem Girokonto liegt, ist mindestreservepflichtig,
hat also ebenfalls eine verknappende Wirkung, die zur Notwendigkeit
zusätzlicher Kredite führt.

Geld, das in langfristigen Anlagen steckt, das also als „Geldvermögen“ in
der Verfügungsgewalt der Banken liegt, ist potenzielle Geldschöpfungskraft
für einen vielfachen Betrag. Diese Geldschöpfungskraft wird von den Banken
aber nur in dem Maße eingesetzt, wie es ihre aktuelle Strategie der
Gewinnerzielung erfordert. Ob der gewünschte, absolute Zinsertrag aus hohen
Ausleihungssummen (gute Geldversorgung der Wirtschaft) zu niedrigen Zinsen,
oder aus niedrigen Ausleihungssummen zu hohen Zinsen (Geldverknappung)
entsteht, ist nur insoweit von Bedeutung, als sich dadurch Verwaltungskosten
und Kreditausfall-Risiko verändern. Wenn es z.B. gelingt, in der Verfolgung
einer langfristigen Strategie zuerst viele Kredite auszureichen (die Fische
anzufüttern) und dann das Geld zu verknappen (die Fische am Haken zappeln zu
lassen), lässt sich aus den Tilgungs- und Zinsnöten, denen die Geldbenutzer
unterliegen, der preiswerte Zugriff auf die gestellten Sicherheiten
verwirklichen. Damit lassen sich sehr schöne Zusatzrenditen – oft auch
direkt in den Händen von mit der Abwicklung betrauten Insidern – generieren.

Der Mindestreservesatz in Euro-Land liegt zurzeit bei 2 % der kurzfristigen
Einlagen.
Das Bankensystem insgesamt – nicht die einzelne Bank – ist also theoretisch
in der Lage, aus jeder Milliarde langfristiger5 Einlagen bis zu 50
Milliarden Euro Kredit zu generieren. Das daraus geschöpfte Geld taucht dann
zunächst als mindestreservepflichtiges Guthaben auf den Girokonten auf. Es
wäre aber naiv, jener Argumentation zu folgen, die darin nicht auch den
Vorteil und das Geldschöpfungsvermögen jedes einzelnen Institutes sieht.
Wenn das Bankensystem insgesamt größere Geldmengen herstellt, dann muss sich
diese Geldschöpfung vollständig auf die einzelnen Institute verteilen, denn
das „Bankwesen an sich“ ist nur eine abstrakte Größe. Die Aktivitäten gehen
von den einzelnen Instituten aus.

Es ist also nicht falsch, zu erklären, dass jede Bank aus einer einmaligen
Einlage über die fortlaufende Kaskadierung von Kreditgewährung und
neuerlicher Einlage, bei einer 2%igen Mindestreservepflicht am Ende bis zum
50-fachen der ursprünglichen Einlage als zinsbringende Geldmenge in den
Markt bringen kann.

Die Tatsache, dass jede aus einem ausgereichten Kredit entstehende
Gutschrift auf einem Konto neuerlich zur langfristigen Einlage werden kann
und dann wiederum zu einer Kreditvergabe berechtigt, bedeutet also auch,
dass bei einem durchschnittlichen Zinssatz von 7,5% für die ausgereichten
Darlehen und bei einem durchschnittlichen Zinsatz von 5,5% für die Einlagen
nicht etwa nur 2% bei der Bank hängen bleiben, sondern, dass im Extremfall
aus der Erst-Einlage ein Zinsvolumen von bis zu 50 x 2% gewonnen werden
kann.

Da lohnt es sich doch, möglichst viele Einlagen zu sammeln, also das Geld
aus der Wirtschaft herauszuziehen und dieses zu Geldvermögen geronnene Geld
durch zusätzliche, eigentlich überflüssige, nur zusätzlichen Zinsertrag
schaffende Kredite zu substituieren!

Der Witz dabei ist, dass umso mehr Zinsen fließen, je öfter und schneller es
gelingt, einen frisch ausgereichten Kredit in Geldvermögen zu verwandeln.
Geldvermögen steht für die Tilgung nicht zur Verfügung, daher ergibt sich
mit jedem Sparvorgang automatisch die Notwendigkeit einer neuen
Kreditaufnahme.

 

Halten wir fest:

Geld, das als Geld gehortet oder in Geldvermögen umgewandelt wird, erfordert
zur Aufrechterhaltung der Wirtschaftskreisläufe eine zusätzliche Aufblähung
der Verschuldung, die wiederum zu zusätzlichen Zinserträgen führt. Daher
wird die Geldhortung und die Umwandlung von Geld in Geldvermögen von den
Banken, die daran verdienen, nach Kräften unterstützt. Die Transaktionen der
Wirtschaft werden also in hohem Maße durch die Kosten des Geldes belastet.

Dies hat Folgen für alle Angehörigen des Wirtschaftsgebietes. Weil die zur
Aufrechterhaltung von Produktion und Handel erforderliche Verschuldung
ständig steigt, steigt auch die Belastung der Lebenshaltung aller Haushalte
durch die Zinslast des Gesamtsystems stetig an.

Bleiben wir in Deutschland:

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes besagen, dass die Ausleihungen der
deutschen Banken, Bausparkassen und Versicherungen derzeit die Summe von
rund 3 Billionen Euro erreicht haben. Dazu kommen in Umlauf befindliche,
festverzinsliche Wertpapiere der öffentlichen Hände und der Industrie in
Höhe von ca. 1 Billion Euro. Auslandsschulden, insbesondere auch aus
steuerlichen Gründen im Ausland aufgenommene Darlehen, sowie privaten
Ausleihungen und die Darlehen aus dem grauen Kapitalmarkt dürften vorsichtig
geschätzt eine weitere Milliarde Euro umfassen.
Die daraus insgesamt entstehende Zinslast, bereinigt um die Kosten der
Banken, dürfte bei mindestens 400 Milliarden Euro p.a. liegen. Weitere
„Zinsen“, nämlich der Pacht- und Mietzins,, bereinigt um die Zinslasten der
Finanzierung können mit ca. 300 Milliarden Euro angenommen werden.

Diese immensen Zinsen belasten – vermutlich relativ gleichmäßig – jeden
Konsum und jede Investition. Weil die Verschuldung mit derzeit jährlich etwa
fünf Prozent deutlich schneller wächst, als die volkswirtschaftliche
Leistung, ist eine ständige Ausweitung der über das Sozialprodukt zu
erwirtschaftenden Zinslast unauweichlich.

Das System des modernen Geldes führt zwangsläufig dazu, dass seine Kosten
ständig wachsen, völlig unabhängig von der Anzahl und dem Ausmaß der mit
Hilfe des Geldes tatsächlich ausgeführten Transaktionen.

Das liegt daran, dass aus Zins und Zinseszins eine unauflösliche
„Sockelverschuldung“ entsteht, eine Verbindlichkeit die niemals abgetragen
werden kann, weil sie, trotz aller Tilgungen mit jedem Geldbedarf weiter
wächst.

Daraus ergibt sich die unglaubliche Tatsache, dass die meisten Bürger, auch
diejenigen, die selbst nicht verschuldet sind, sondern sogar über eigene
Guthaben verfügen, über die in den Preisen und in Steuern und Abgaben
enthaltenen Zinslasten zu den Netto-Zinszahlern der Volkswirtschaft gehören.

Erst wenn das Geldvermögen des einzelnen privaten Haushalts nach Abzug
eventuell vorhandener Schulden eine Größenordnung von etwa 200.000 Euro
erreicht und durchschnittliche Zinsen abwirft, kann bei sparsamer
Haushaltsführung erwartet werden, dass sich Zinserträge und versteckte
Zinszahlungen aufheben. Die eigentlichen Nutznießer des Geldsystems, die
Netto-Zins-Empfänger finden wir erst unter den Besitzern von Geldvermögen
deutlich über 200.000 Euro und diese Grenze verschiebt sich stetig weiter
nach oben.

Diese Entwicklung ist das Kernproblem unserer Volkswirtschaft.

Der nicht aufhaltbare Prozess des Schuldenwachstums ruiniert Unternehmen und
Volkswirtschaften, wenn es nicht immer wieder aufs Neue gelingt, die zur
Tilgung und Zinszahlung erforderlichen Geldmengen durch neue Kredite zu
generieren. Neue Kredite werden aber nur ausgereicht, wenn
erfolgversprechende Geschäftsideen, Umsätze, Gewinne und Wachstum
prognostiziert werden. Nur aus diesem Grunde ist es erforderlich, jedes Jahr
neues Wirtschaftswachstum zu erzeugen, ist es unmöglich, auf dem Höchststand
einer prosperierenden Wirtschaft zu verharren. Fehlt es am Wachstum müssen
zu Gunsten der Jahr für Jahr steigenden Zinsbelastung die übrigen Kosten
gesenkt werden. Dies trifft zuerst und am härtesten die Mitarbeiter, weil es
die Personalkosten sind, die immer noch am einfachsten begrenzt bzw.
reduziert werden können.

Das Problem wird durch die Rückführung der Staatsverschuldung nicht
gemindert sondern verschärft.

Es gelingt vielleicht, unter Inkaufnahme rezessiver Tendenzen, die Zinslast
innerhalb des Staatshaushaltes zu reduzieren. Das führt aber direkt zu
massiven Ausfällen bei der Geldversorgung. So war der Kurzschluß zwischen
Geldschöpfung und Geldvernichtung bei der Vergabe der UMTS-Lizenzen, wo
innerhalb weniger Tage etwa 100 Milliarden Euro geschöpft und durch Tilgung
von Staatschulden wieder vernichtet wurden, die wesentliche Ursache dafür
daß dem UMTS-Geschäft die Luft auszugehen droht. Die immense
Anschubfinanzierung, die sich über einige Jahre als Kaufkraft im Markt hätte
bewegen können, bevor sie sich in einem allmählichen Tilgungsprozess
verabschiedet hätte, konnte sich aufgrund der Strategie des Finanzministers
in keiner Weise entfalten, denn der Weiterentwicklung der neuen Technologie
und ihrem flächendeckenden Einsatz standen die dafür erforderlichen Mittel
im Wirtschaftskreislauf einfach nicht mehr zur Verfügung – hätte Eichel das
Geld ausgegeben, um Investitionen und Konsum zu finanzieren, hätten wir die
Sparziele zwar nicht erreicht, aber der deutschen Wirtschaft ginge es
deutlich besser und die Zahl der Arbeitslosen wäre um einiges geringer.

Wenn große Schuldner massiv tilgen, müssen zwangsläufig andere in die
Bresche springen und durch Kreditaufnahme die Geldversorgung
bewerkstelligen. Die bedrohlich gewachsene Verschuldung der privaten
Haushalte ist ein deutliches Indiz für die bereits eingetretene Wirkung.

Die jetzt beabsichtigte Lockerung der Maastricht-Kriterien, die wieder
stärkere Neuverschuldung Deutschlands, Frankreichs, Portugals und damit der
gesamten Euro-Zone wird zwar Verbesserungen in der Geldversorgung bringen,
eventuell sogar Wachstum und Arbeitsplätze schaffen, aber das Grundproblem
der erdrückend wachsenden Schuldenlast genausowenig lösen wie ein strikter
Sparkurs mit forcierter Tilgung. Es ist das klassische Dilemma.

Solange sich alle Aktivitäten nach den Spielregeln dieses wahnwitzigen
Systems richten, gibt es keine Rettung. Ein Ausweg muß außerhalb dieses
Systems gefunden werden. Erst wenn das Denken über die Systemgrenzen hinaus
erweitert wird, können die vom System aufgerichteten Blockaden überwunden
werden und der Ausweg wird erkennbar.

Der gangbare und noch dazu kostenlose Ausweg bestünde darin, solange von
außerhalb des Systems frisches Geld, zinsfrei und ohne Tilgungsverpflichung
in den Markt zu schießen, bis die Wirtschaft wieder durchatmen kann, bis der
unerträgliche Zinsdruck abgebaut und die Sockelverschuldung zurückgeführt
ist. Es bieten sich viele sinnvolle Möglichkeiten, solches Geld als gezielte
Subvention da einzusetzen, wo die Marktkräfte heute bei der Bedarfsdeckung
versagen.

Eventuell befürchtete inflationäre Wirkungen dürften sich alleine schon
deshalb in Grenzen halten, weil automatisch eine Zurückhaltung bei der
Geldschöpfung im Bankensystem einsetzen würde. Alle denkbaren
Gegenreaktionen und Kampfansagen des Kapitals können abgewehrt werden, denn:

Eine Gesellschaft, die es schafft, die Hoheit über ihr Geld
zurückzugewinnen, ist mit Geld nicht auszuhebeln.

Allerdings ist nicht mehr viel Zeit. Die mit dem unvermeidlichen
Zusammenbruch endende Entwicklung des Geldsystems folgt einer exponentiellen
Kurve. Die Katastrophe kommt nicht erst in fünfzig oder hundert Jahren,
sondern nach ziemlich seriösen Abschätzungen schon irgendwann zwischen 2010
und 2015.

Es ist Aufgabe der Politik, das Schlimmste zu verhüten.

http://www.egon-w-kreutzer.de/Geld/Grundlagen1.html