Der oberflöchliche Umgang mit Sprache! MEIN FREUND und die Leichtgläubigkeit unserer Zeit!

merkelFrau Merkel ist nicht unsere Landesmama!

Mein Freund, ich bin nicht dein Freund. Mein
Schein ist bloß ein sorgfältig gewobenes Kleid, das
ich trage, um mich vor deinen Fragen und dich vor
meiner Gleichgültigkeit zu schützen.
Das «Ich» in mir, mein Freund, wohnt in dem
Haus der Stille. Dort soll es bleiben, immerdar,
unerkannt – und unnahbar.
Du sollst meinen Worten keinen Glauben schenken
und sollst meinem Tun Misstrauen – denn
meine Worte sind nur das Echo deiner Gedanken
und meine Taten bloß deine verwirklichten
Wünsche.
Sagst du: «Der Wind weht von Osten », so sage ich:
«Ja, er weht von Osten.» – Du sollst nicht wissen,
daß nicht der Wind meinen Sinn bewegt, sondern
die See. Du kannst meine seefahrenden Gedanken
nicht erraten. Ich will mit der See allein sein.

Wenn für dich Tag ist, mein Freund, ist für michmuenchhausen
Nacht. Und doch rede ich von Mittagsglanz, der
über Hügeln tanzt, und von dem Purpurschatten,
der sich durch das Tal stiehlt. Du kannst die Lieder
meiner Finsternis nicht hören und siehst nicht, wie
meine Flügel gegen die Sterne schlagen. -Du sollst
nicht sehen und sollst nicht hören. Ich will mit der
Nacht allein sein.
Wenn du in deinen Himmel aufsteigst, steige ich in
meine Hölle hinab – und sogar dann noch rufst du
über den unüberbrückbaren Golf: «Mein Gefährte,
mein Kamerad!», und ich rufe zurück:
«Mein Kamerad, mein Gefährte!», denn du sollst
meine Hölle nicht sehen! Die Flamme würde dir
das Augenlicht verbrennen und der Rauch deine
Nüstern schwären. Ich liebe meine Hölle zu sehr,
als daß du sie besuchest. Ich will in der Hölle allein
sein.
Du liebst die Wahrheit, die Schönheit und das
Recht. Um deinetwillen heiße ich dies alles auch
gut. In meinem Herzen aber lache ich über deine
Liebe. Doch sollst du mein Lachen nicht hören. Ich
will alleine lachen.
Du bist gut, mein Freund, behutsam und weise.
Nein, vollkommen bist du! – Und ich: ich rede
behutsam und weise mit dir. Und doch bin ich ein
Narr. Aber ich habe meine Narrheit maskiert. Ich
will in meiner Narrheit allein sein.
Mein Freund, du bist nicht mein Freund. Wie
kannst du das verstehen? Mein Weg ist nicht dein
Weg, und doch gehen wir gemeinsam, Hand in
Hand.

Aus : KHALIL GIBRAN