INSPIRATION UND INTUITION

Portraits of Rudolf SteinerWie man die Imagination ein geistiges Schauen nennen kann, so die Inspiration ein geistiges Hören. Man muß allerdings bei diesem Ausdrucke «Hören» sich darüber klar sein, daß damit ein Wahrnehmen gemeint ist, welches dem sinnlichen Hören in der physischen Welt noch viel ferner steht als das «Schauen» in der imaginativen (astralen) Welt dem Sehen mit den physischen Augen. Von den Licht- und Farbenerscheinungen der letzteren Welt kann man sagen : sie seien
so, wie wenn die leuchtenden Oberflächen und die Farben der sinnlichen Gegenstände sich von diesen abhöben und von ihnen losgelöst frei im Raume schwebten. Dies gibt aber doch nur eine annähernde Vorstellung. Denn der Raum der imaginativen Welt ist keineswegs so wie derjenigeder physischen. Wer sich also einbildete, daß er imaginative Farbenbilder vor sich habe, wenn er
freischwebende Farbenflocken mit gewöhnlicher Raumausdehnung sieht, der ist im Irrtum.

Dennoch ist aber die Bildung von solchen Farbenvorstellungen der Weg zum imaginativen
Leben. Wer versucht, sich eine Blume vorzustellen, und dann in seiner Vorstellung alles beiseite
läßt, was nicht Farbenvorstellung ist, so daß vor seiner Seele ein Bild schwebt wie die von der
Blume abgezogene farbige Oberfläche, der kann durch solche Übungen allmählich zu einer
Imagination gelangen. Dies Bild selbst ist noch keine solche Imagination, sondern ein mehr oder
weniger vorbereitendes Phantasiegemälde. Imagination – das ist wirkliches astrales Erlebnis –
wird es erst, wenn nicht nur die Farbe ganz abgehoben ist von dem Sinneseindrucke, sondern
wenn auch die dreidimensionale Raumausdehnung sich völlig verloren hat. Daß dies letztere der
Fall ist, kann nur durch ein gewisses Gefühl wahrgenommen werden. Zu beschreiben ist dieses
Gefühl nur dadurch, daß man sagt, man fühlt sich nicht mehr außerhalb, sondern innerhalb des
Farbenbildes, und man hat das Bewußtsein, daß man an seiner Entstehung teilnimmt. Wenn dies
Gefühl nicht da ist, wenn man sich also der Sache gegenüberstehend glaubt wie einem sinnlichen
Farbenbild gegenüber, dann hat man es noch nicht mit einer wirklichen Imagination, sondern mit
etwas Phantastischem zu tun. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, daß solche Phantasiegemälde
ganz wertlos seien. Sie können nämlich ätherische Abbilder – gleichsam Schatten -wirklicher
astraler Tatsachen sein. Und als solchen kommt ihnen für die geheimwissenschaftliche Schulung
immerhin einiger Wert zu. Sie können eine Brücke bilden zu den wahren astralen (imaginativen)
Erlebnissen. – Eine gewisse Gefahr schließt ihre Beobachtung nur in sich, wenn der Beobachter
an diesem Grenzgebiet zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem seinen gesunden
Menschenverstand nicht voll zur Anwendung bringt. Man soll nur nicht erwarten, daß irgend
jemandem ein allgemeines Kennzeichen gegeben werden kann, wie er in diesem Grenzgebiete
Illusion, Halluzination, Phantastik von Wirklichkeit unterscheiden könne. Bequem wäre ja eine
solche allgemeine Regel. Aber Bequemlichkeit ist ein Wort, das der Geheimschüler in seinem
Sprachschatze streichen sollte. – man kann nur sagen, daß derjenige, welcher sich für dieses
Gebiet Klarheit der Unterscheidung aneignen will, schon in dem gewöhnlichen Leben der
physischen Welt darauf bedacht sein muß. Wer in diesem gewöhnlichen Leben keine Sorgfalt
darauf verwendet, scharf und klar zu denken, der wird beim Aufsteigen in höhere Welten allen
möglichen Illusionen zum Opfer fallen. Man bedenke nur, wie viele Fallen dieses gewöhnliche
Leben dem gesunden Urteile bietet. Wie oft kommt es doch vor, daß die Menschen nicht das
ungetrübt sehen, was ist, sondern was sie zu sehen begehren. In wie vielen Fällen glauben die
Menschen etwas, nicht weil sie erkannt haben, sondern weil es ihnen angenehm ist, zu glauben.
Oder welche Irrtümer ergeben sich, weil man einer Sache nicht auf den Grund geht, sondern sich
vorschnell ein Urteil bildet. Alle diese Gründe von Täuschungen im gewöhnlichen Leben
könnten durch andere schier ins Unendliche vermehrt werden. Was für Streiche spielen
Parteinahme, Leidenschaft usw. usw. einem gesunden Urteile. Wenn derlei Urteilstäuschungen
im gewöhnlichen Leben störend und oft verhängnisvoll sind: für die Gesundheit des
übersinnlichen Erlebens sind sie die denkbar größte Gefahr. Nicht eine allgemeine Regel kann
der Geheimschüler als Leitfaden mit in höhere Welten erhalten, sondern lediglich die
Anweisung, für seine gesunde Unterscheidungskraft, für sein freies, unabhängiges Urteil alles
mögliche zu tun.
Wenn der Beobachter höherer Welten einmal weiß, was wirklich Imagination ist, dann erhält er
auch sehr bald die Empfindung, daß die bildet der astralen Welt nicht bloße Bilder, sondern die
Kundgebungen geistiger Wesenheiten sind. Er lernt erkennen, daß er die imaginativen Bilder
ebenso auf geistige oder seelische Wesenheiten zu beziehen hat wie die sinnlichen Farben auf
sinnliche Dinge oder Wesenheiten. Im einzelnen wird er allerdings da noch viel zu lernen haben.
Er wird unterscheiden müssen zwischen Farbengebilden, die wie undurchsichtig sind, und
solchen, die ganz durchsichtig und wie in ihrem Innern ganz durchleuchtet sind. Ja, auch solche
Gebilde wird er wahrnehmen, die ihr Farbenlicht gleichsam in ihrem Innern immer neu
erzeugen, die also nicht nur ganz durchleuchtet und durchsichtig (transparent) sind, sondern die
immerfort in sich selbst aufstrahlen. Und er wird die mehr undurchsichtigen Gebilde auf
niedrige, die durchleuchteten auf mittlere Wesenheiten beziehen; die in sich aufstrahlenden
Bilder werden ihm Kundgebungen höherer geistiger Wesenheiten sein.
Will man die Wahrheit der imaginativen Welt treffen, so darf man den Begriff des geistigen
Schauens nicht zu eng fassen. Denn es finden sich in dieser Welt nicht etwa bloß Licht- und
Farbenwahrnehmungen, die sich also den Gesichtserlebnissen der physischen Welt vergleichen
lassen, sondern auch Eindrücke von Wärme und Kälte, von Geschmack und Geruch, ja noch
andere Erlebnisse der imaginativen «Sinne», für die es etwas ähnliches in der physischen Welt
nicht gibt. Die Eindrücke des Warmen und Kalten sind in der imaginativen (astralen) Welt die
Offenbarungen des Willens und der Absichten seelischer und geistiger Wesen. Ob ein solches
Wesen etwas Gutes oder Böses bezweckt, das kommt in einer bestimmten Wärme- oder
Kältewirkung zum Vorschein. Auch «schmecken» und «riechen» kann man die astralen
Wesenheiten. – nur dasjenige, was in eigentlichem Sinne das Physische des Tones und Schalles
ausmacht, fehlt fast ganz in der wirklich imaginativen Welt. In dieser Beziehung herrscht da
lautlose Stille. Dafür aber bietet sich etwas ganz anderes dem in der geistigen Beobachtung
Fortschreitenden dar, was sich mit dem Tönen und Klingen, mit Musik und Sprache der
sinnlichen Welt vergleichen läßt. Und gerade dann tritt dieses Höhere auf, wenn alles Tönen und
Klingen der äußeren physischen Welt völlig verstummt, ja wenn auch der geringste innere
seelische Nachhall an dieses Gebiet der äußeren Welt zum Schweigen gekommen ist. Dann tritt
für den Beobachter das ein, was man ein Verstehen der Bedeutung der imaginativen Erlebnisse
nennen kann. Wollte man dasjenige, was hier erfahren wird, mit etwas in der physischen Welt
vergleichen, so könnte man nur zur Verdeutlichung etwas heranziehen, was es in dieser Welt gar
nicht gibt. Man versuche sich einmal vorzustellen, daß man wahrnehmen könnte die Gedanken
und Gefühle eines Menschen, ohne seine Worte mit dem physischen Ohre zu hören, so wäre ein
solches Wahrnehmen zu vergleichen mit jenem unmittelbaren Verstehen des Imaginativen, das
man als «Hören» in geistigem Sinne bezeichnet. Das «Sprechende»sind die Farben- und
Lichteindrücke. In dem Aufglänzen und Verlöschen, in der Farbenwandlung der Bilder
offenbaren sich Harmonien und Disharmonien, welche die Gefühle, Vorstellungen und
Gedanken seelischer und geistiger Wesenheiten enthüllen. Und wie sich der Ton beim
physischen Menschen zum Worte steigert, wenn sich ihm der Gedanke einprägt, so steigern sich
die Harmonien und Disharmonien der geistigen Welt zu Offenbarungen, welche wesenhafte
Gedanken selbst sind. Dazu muß es allerdings «dunkel werden» in dieser Welt, wenn der
Gedanke in seiner Unmittelbarkeit sich offenbaren soll. Das hier auftretende Erlebnis stellt sich
so dar : Man sieht die hellen Farbentöne, das Rot, Gelb und Orange, ersterben und nimmt wahr,
wie sich die höhere Welt durch Grün hindurch abdunkelt zum Blauen und Violetten; dabei erlebt
man in sich selbst eine Steigerung der inneren Willensenergie. Man erlebt eine völlige Freiheit in
bezug auf Ort und Zeit; man fühlt sich in Bewegung. Es sind gewisse Linienformen, Gestalten,
die man erlebt. Doch nicht etwa so erlebt man sie, daß man sie vor sich in irgendeinem Raume
gezeichnet sähe, sondern so, als ob man in fortwährender Bewegung mit seinem Ich jedem
Linienschwung, jeder Gestaltung selbst folgte. Ja man fühlt das Ich als den Zeichner und
zugleich als das Material, mit dem gezeichnet wird. Und jede Linienführung, jede Ortsänderung
sind zugleich Erlebnis dieses Ich. Man lernt erkennen, daß man mit seinem bewegten Ich
hineingeflochten ist in die schaffenden Weltenkräfte. Die Weltgesetze sind nun dem Ich nicht
mehr etwas äußerlich Wahrgenommenes, sondern ein wirkliches Wundergewebe, an dem man
spinnt. – die Geheimwissenschaft entwirft allerlei sinnbildliche Zeichnungen und Bilder. Wenn
diese den Tatsachen wirklich entsprechen und nicht bloße ausgedachte Figuren sind, so liegen
ihnen Erlebnisse des Beobachters in höheren Welten zugrunde, die in der oben beschriebenen
Art anzusehen sind.
So stellt sich die inspirierte Welt in die imaginierte hinein. Wenn die Imaginationen beginnen
dem Beobachter in «stummer Sprache» ihre Bedeutungen zu enthüllen, dann geht innerhalb des
Imaginativen die Welt der Inspiration auf.
Von derjenigen Welt, in welche der geistige Beobachter auf diese Art eindringt, ist die physische
eine Offenbarung. Was von dieser physischen Welt den Sinnen und dem auf sie beschränkten
Verstand zugänglich ist, das ist nur die Außenseite. Um nur ein Beispiel anzuführen : die
Pflanze, wie sie mit den physischen Sinnen und dem physischen Verstande beobachtet wird, ist
nicht das vollständige Pflanzenwesen. Wer nur diese physische Pflanze kennt, der hat etwas
Ähnliches vorliegen, wie ein Wesen haben würde, das den Fingernagel eines Menschen
wahrnehmen könnte, dem aber die Wahrnehmung des Menschen selbst unzugänglich wäre. Bau
und Wesenheit des Fingernagels können aber nur verstanden werden, wenn man sie aus der
ganzen menschlichen Wesenheit erklärt. So ist in Wahrheit die Pflanze nur verständlich, wenn
man das kennt, was zu ihr gehört wie die ganze menschliche Wesenheit zum Fingernagel des
Menschen. Dieses zur Pflanze Gehörige kann man aber nicht in der physischen Welt finden. Der
Pflanze liegt zunächst etwas zugrunde, was sich nur durch die Imagination in der astralen Welt
enthüllt, und ferner etwas, was nur durch die Inspiration in der geistigen Welt offenbar wird.
– So ist also die Pflanze als physisches Wesen die Offenbarung einer Wesenheit, die durch
Imagination und Inspiration zu begreifen ist.
Es eröffnet sich für den Beobachter der höheren Welten, wie aus Vorstehendem ersichtlich ist,
ein Weg, der in der physischen Welt beginnt. Er kann nämlich zunächst von dieser physischen
Welt ausgehen und von deren Offenbarungen aufsteigen zu den ihnen zugrunde liegenden
höheren Wesenheiten. Wenn er vom Tierreiche ausgeht, so kann er aufsteigen zur imaginativen
Welt; wenn er von der Pflanzenwelt seinen Ausgang nimmt, so führt ihn die geistige
Beobachtung durch die Imagination zur Welt der Inspiration. Wenn man diesen Weg geht, dann
findet man nämlich bald innerhalb der imaginativen und Inspirationswelt auch Wesenheiten und
Tatsachen, welche sich gar nicht in der physischen Welt offenbaren. Man darf also nicht
glauben, daß man auf diese Art nur diejenigen Wesenheiten der höheren Welten kennenlernt,
welche ihre Offenbarungen in der physischen Welt haben. Wer einmal die imaginative Welt
betreten hat, der lernt eine Fülle von Wesen und Ereignissen kennen, von denen sich der bloße
physische Beobachter nichts träumen läßt.
Es gibt nun allerdings auch einen anderen Weg. Einen solchen, der nicht von der physischen
Welt seinen Ausgang nimmt. Der den Menschen unmittelbar hellsichtig macht in den höheren
Gebieten des Daseins. Für viele Menschen möchte dieser Weg mehr Anziehungskraft haben als
der vorhin angedeutete. Doch sollte für unsere Lebensverhältnisse nur der Aufstieg aus der
physischen Welt gewählt werden. Er legt dem Beobachter die Entsagung auf, welche nötig ist,
wenn er sich zunächst in der physischen Welt umschauen und da einige Erkenntnisse und
namentlich Erfahrungen sammeln soll. Doch ist er auf alle Fälle für unsere Kulturverhältnisse
der Gegenwart der angemessene. Der andere setzt die vorhergängige Aneignung von
Seeleneigenschaften voraus, welche innerhalb der gegenwärtigen Lebensverhältnisse äußerst
schwer zu erreichen sind. Wenn auch in einschlägigen Schriften mit aller Schärfe und
Deutlichkeit solche Seeleneigenschaften immer wieder und wieder betont werden : von dem
Grade, in dem man sich dergleichen (zum Beispiel Selbstlosigkeit, hingebungsvolle Liebe usw.>
aneignen muß, wenn man zur Erreichung der höheren Welten nicht von dem festen Boden der
physischen ausgehen wollte, machen sich doch die meisten Menschen gar keine auch nur
einigermaßen hinreichende Vorstellung. Und wenn dann jemand in den höheren Welten erweckt
wird ohne den erforderlichen Grad der entsprechenden Seeleneigenschaften, so müßte
unsägliches Elend die Folge sein. Nun darf man nicht etwa glauben, daß man beim Ausgehen
von der physischen Welt und ihren Erfahrungen der gekennzeichneten Seeleneigenschaften
entraten könnte. Solches zu glauben, wäre auch ein folgenschwerer Irrtum. Aber solcher
Ausgang gestattet, daß man sich diese Seelen-Eigenschaften in dem Maße und vor allem in der
Form aneigne, in denen es in unseren gegenwärtigen Lebensverhältnissen möglich ist.
Und noch etwas kommt dabei in Betracht. Geht man in der angedeuteten Art von der physischen
Welt aus, so bleibt man auch trotz seines Aufsteigens in die höheren Welten in einem lebendigen
Zusammenhange mit dieser physischen Welt. Man wahrt sich das volle Verständnis für alles,
was in ihr vorgeht, und die volle Tatkraft, in ihr zu wirken. Ja, dieses Verständnis und diese
Tatkraft wachsen in der förderlichsten Art gerade durch die Erkenntnis der höheren Welten. In
jedem Gebiete des Lebens, und wenn es auch noch so prosaisch-praktisch erscheint, wird der
Kenner der höheren Welten förderlicher, besser wirken als der Nichtkenner, wenn sich der
erstere nur den lebensvollen Zusammenhang mit der physischen Welt bewahrt hat.
Wer aber, ohne von der physischen Welt auszugehen, in den höheren Gebieten des Daseins
erweckt wird, der wird allerdings nur zu leicht dem Leben entfremdet; er wird zum Einsiedler,
der seiner Mitwelt ohne Verständnis und Anteil gegenübersteht. Ja, es tritt bei unvollständig in
dieser Art Ausgebildeten – allerdings nicht bei vollkommen Entwickelten – sogar oft ein, daß sie
mit einer gewissen Geringschätzung auf die Erlebnisse der physischen Welt herabsehen, daß sie
sich zu vornehm für diese fühlen usw. Statt daß sich ihr Anteil an der Welt erhöhte, werden
solche in sich verhärtete, im geistigen Sinne selbstsüchtige Naturen. Die Verführung zu alledem
ist nämlich wahrlich nicht gering. Und diejenigen, welche den Aufstieg in die höheren Welten
erstreben, sollten wohl gerade darauf achten.
Von der Inspiration kann der geistige Beobachter zur Intuition aufsteigen. In der Ausdrucksart
der Geheimwissenschaft bedeutet dieses Wort in vieler Beziehung das genaue Gegenteil von
dem, wofür man es im gewöhnlichen Leben oft anwendet. In letzterem spricht man von Intuition,
wenn man einen dunkel als wahr gefühlten Einfall im Auge hat, dem an sich die klare,
begriffliche Feststellung noch fehlt. Man sieht darinnen mehr eine Vorstufe der Erkenntnis denn
eine solche selbst. Solch ein entsprechender «Einfall» mag – nach dieser Begriffsbestimmung –
eine große Wahrheit wie in einem Blitzlicht erleuchten; als Erkenntnis kann er erst gelten, wenn
er durch begriffliche Urteile begründet wird. Bisweilen bezeichnet man auch als Intuition etwas,
was man als Wahrheit «fühlt», wovon man ganz überzeugt ist, was man aber durch
Verstandesurteile nicht belasten will. Menschen, an welche die geheimwissenschaftlichen
Erkenntnisse herankommen, sagen gar oft : Das war mir «intuitiv» schon immer klar. Von all
dem muß ganz abgesehen werden, wenn man den Ausdruck «Intuition» in seiner hier gemeinten
wahren Bedeutung ins Auge fassen will. Intuition ist, in dieser Anwendung, nicht eine
Erkenntnis, die an Klarheit hinter der Verstandeserkenntis zurückbleibt, sondern welche diese
weit überragt.
In der Inspiration sprechen die Erlebnisse der höheren Welten ihre Bedeutung aus. Der
Beobachter lebt in den Eigenschaften und Taten der Wesen dieser höheren Welten. Wenn er, wie
oben charakterisiert worden ist, mit seinem Ich einer Linienführung oder einer Gestaltform folgt,
so weiß er doch, daß er nicht innerhalb des Wesens selbst ist, sondern innerhalb dessen
Eigenschaften und Verrichtungen. Schon in der imaginativen Erkenntnis erlebt er es ja, daß er
sich zum Beispiel nicht außerhalb, sondern innerhalb der Farbenbilder fühlt; aber er weiß auch
ebenso genau, daß diese Farbenbilder nicht in sich selbständige Wesen, sondern Eigenschaften
solcher Wesen sind. In der Inspiration wird er sich bewußt, daß er eins wird mit den Taten
solcher Wesen, mit den Offenbarungen ihres Willens; erst in der Intuition verschmilzt er mit
Wesen, die in sich geschlossen sind, selbst. Im richtigen Sinne kann das nur geschehen, wenn
diese Verschmelzung nicht unter Auslöschung, sondern unter völliger Aufrechterhaltung seiner
eigenen Wesenheit der Fall ist. Alles «Sich-Verlieren» an ein fremdes Wesen ist vom Übel.
Daher kann nur ein Ich, das in sich bis zu einem hohen Grade gefestigt ist, in ein anderes Wesen
ohne Schaden untertauchen. – man hat erst dann etwas intuitiv erfaßt, wenn man diesem «Etwas»
gegenüber zu der Empfindung gekommen ist : es äußert sich in ihm ein Wesen, das von
derselben Art und inneren Geschlossenheit wie das eigene Ich ist. Wer einen Stein mit den
Sinnen betrachtet und ihn nach seinen Eigenheiten mit dem Verstande – und den gewöhnlichen
wissenschaftlichen Hilfsmitteln – zu begreifen sucht, der lernt nur die Außenseite des Steines
kennen. Als geistiger Beobachter schreitet er zu der imaginativen und inspirierten Erkenntnis
vor. Lebt er innerhalb der letzteren, so kann er zu einer weiteren Empfindung kommen. Diese
Empfindung möchte man durch einen Vergleich in der folgenden Art charakterisieren. Man
stelle sich vor, man sehe einen Menschen auf der Straße. Er macht zunächst auf den Beobachter
einen flüchtigen Eindruck. Später lernt man ihn näher kennen; und es kommt der Augenblick, in
dem man mit ihm so befreundet wird, daß sich Seele der Seele aufschließt. Mit dem Erlebnis, das
man durchmacht, wenn so die Hüllen der Seelen fallen und Ich dem Ich gegenübersteht, ist
dasjenige zu vergleichen, wenn dem geistigen Beobachter der Stein nur wie eine äußere
Offenbarung erscheint und er vorschreitet zu etwas, zu dem der Stein gehört, wie der Fingernagel
zum menschlichen Leibe gehört, und das sich auslebt als ein «Ich», wie das eigene Ich eines ist.
Erst in der Intuition ist diejenige Erkenntnisart durch den Menschen erreicht, die ihn ins «Innere»
der Wesen führt. Bei Besprechung der Inspiration ist einiges angegeben worden über die
Umwandlung, welche die innere Seelenverfassung des geistigen Beobachters erfahren muß,
wenn er zu dieser Erkenntnisform gelangen will. Es ist da gesagt worden, daß zum Beispiel ein
unrichtiges Urteil nicht bloß zum Verstande sprechen darf, sondern zu der Empfindung, daß es
Leid, Schmerz bereiten muß. Und der Beobachter muß solches inneres Erleben systematisch
ausbilden. Solange allerdings dieser Schmerz entspringt aus den Sympathien und Antipathien des
Ich, aus dessen Parteinahme, so lange kann nicht von einer dadurch zu erlangenden Vorbereitung
für die Inspiration gesprochen werden. Solches Berührtwerden des Gemütes ist noch weit, sehr
weit von dem inneren Anteil entfernt, den das Ich an der bloßen Wahrheit – als Wahrheit –
nehmen muß, wenn es die genannten Ziele erreichen will. Es kann gar nicht scharf genug betont
werden, daß eigentlich alle Formen des Interesses, die sich im gewöhnlichen Leben als Lust und
Leid gegenüber von Wahrheit und Irrtum ausleben, erst schweigen müssen und dann eine ganz
andere Interessenart, die ohne alle Selbstsucht ist, eintreten muß, wenn etwas für die Erkenntnis
durch Inspiration geschehen soll. Diese eine Eigenschaft des inneren Seelenlebens ist aber eben
nur eines unter den Mitteln zur Vorbereitung für die Inspiration. Es gibt eine unbegrenzte Anzahl
anderer, die hinzukommen müssen zu der einen. Und je weiter sich der geistige Beobachter in
bezug auf das verfeinert, was ihm schon für die Inspiration gedient hat, desto mehr vermag er
sich der Intuition zu nähern. Von der gesetzmäßigen Anweisung, welche die
Geheimwissenschaft für die Intuition gibt, wird in weiteren Aufsätzen noch die Rede sein.
Aus einem Aufsatz von
Rudolf Steiner
Die Stufen der höheren Erkenntnis