Katastrophenjahr 2014 – Jürgen Elsässer

Elsässer mit Luther in Wittenberg. Foto: GründlerElsässer mit Luther in Wittenberg. Foto: Gründler

Mein Editorial aus der neuen COMPACT 1/2014 – Elsässers-Blog

Die Überschrift macht Sie neugierig? Zu Recht! Aber es kommt ein bissel anders, als mancher denken wird. Ich musste mal was schreiben gegen die ganzen Apokalypse-Rauner, deren Schwarzmalerei die Leute vom Kampf für konkrete Veränderungen abhält…

Katastrophenjahr 2014

Reingelegt. 2014 wird gar kein Katastrophenjahr. Schlitzohrig habe ich die Überschrift trotzdem gewählt, weil ich weiß, dass sie Leser anzieht. Oder würden Sie sich für ein Editorial interessieren, das den Titel „Alles bleibt, wie es ist“ trägt? Eben.
Und genau darüber müssten wir unter uns Pfarrerstöchtern mal diskutieren: Warum auch kritische Zeitgenossen sich gerne in den schlimmsten Untergangsphantasien suhlen und anscheinend nicht genug davon bekommen können. Wechselweise wird entweder der Euro- oder der Dollar-Bankrott vorausgesagt. Ein Dauerbrenner ist die Wiederkehr des Faschismus oder wenigstens eine Big-Brother-Diktatur. Die eine Hälfte der Blogger beschwört die Kernschmelze in Fukushima, die anderen die Eisschmelze am Südpol. Ständig steht der 3. Weltkrieg vor der Tür, der – je nach Gusto – entweder von Iranern und anderen Schurken oder aber von Amis und Israelis ausgelöst wird. Und müssen wir nicht 2014 wieder mit einem Mega-Terroranschlag rechnen? Der wird seit 9/11 für jedes Jahr vorhergesagt, besonders gerne in Zusammenhang mit sportlichen Großereignissen wie Olympia.
Der schrille Daueralarm weckt das Publikum nicht auf, sondern treibt es in die Flucht. Zumal die Apokalyptiker auch keinen Vorschlag machen, was zu tun sei. Da der große Knall ohnedies kommt, hilft eh nix mehr – außer Überlebenspakete-Pakete zu kaufen und sich eine Knarre zuzulegen für den Tag X, wenn alles im Chaos versinkt. Die Vorstellung der Untergangspropheten ähnelt der Johannes-Offenbarung – es droht das Jüngste Gericht. Danach ist nichts mehr wie vorher. Entweder siegt der Große Satan, oder aus dem Chaos erhebt sich die Neue Ordnung – unsere Ordnung, die der “Guten”. Welche Hybris!
Man muss weg kommen von der apokalyptischen Starre, die manche wie das Kaninchen auf die Schlange blicken lässt. Am Beispiel des Euro: Wie oft wurde der Zusammenbruch der Gemeinschaftswährung schon vorhergesagt? Es gab bekannte Experten, die haben die Prognosen sogar auf den Tag genau gemacht. Aber der Crash wird nicht kommen! Denn: Die herrschenden Finanzmächte wollen den Euro auf Teufel komm raus erhalten, weil er die ideale Saugpumpe ist, um die Industriegesellschaften Kontinentaleuropas, vor allem Deutschlands, zu zerstören. Das Beispiel zeigt, dass es nicht um Entwarnung und pausbäckige Zuversicht geht. Gerade umgekehrt: Die eigentliche Katastrophe ist nämlich nicht der Zusammenbruch des Status Quo, sondern seine Fortexistenz. Während die Geldkritiker hoffnungsvoll oder bibbernd auf den Big Bang warten, verändert sich die Gesellschaft im Normalzustand immer weiter – zum Schlechten. Die Schulden von gestern werden mit Krediten von heute bezahlt, und zu deren Deckung werden die Renten unserer Kinder an Goldman Sachs verpfändet. Damit niemand nervös wird und seine Darlehen zurückverlangt, wird das Bankensystem planwirtschaftlich überwacht – bis hin zur Abschaffung des Bargeldes und dem Verbot des Goldbesitzes. Auf diese Weise kann die Hyperinflation verhindert oder zumindest auf lange Zeit zurückgestaut werden – aber um den Preis des Verlustes von persönlicher Freiheit in einem Bankiers-Sozialismus.
Wer ständig in Horrorvisionen über den Welt- oder Gelduntergang lebt, ist verloren.

 

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Das Gegenrezept kommt von Martin Luther: Lasst uns doch ein Apfelbäumchen pflanzen, verkündete er inmitten der Schrecken seiner Zeit.

 

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Vollständig lesen in der Printausgabe COMPACT 1/2014