KenFM im Gespräch mit: Petra Wild, Israel ist…

 Wie würde die Welt auf den Beschluss eines deutschen Gerichtes reagieren, der es den Bürgern der BRD ab sofort verbieten würde, sich beim Einwohnermeldeamt als „Deutsche“ registrieren zu lassen – obwohl sie Deutsche sind?
  • Wie würden die Schlagzeilen weltweit lauten, wenn bekannt würde, dass man sich in Deutschland 2013 ab sofort, und ohne das Recht auf Widerspruch, offen zu einer Privatangelegenheit, nämlich der eigenen Religionszugehörigkeit bekennen MÜSSE?

    Man MÜSSE 2013 gegenüber den deutschen Behörden bekanntgeben, ob man beispielsweise Christ sei. Oder Moslem. Oder Jude. Damit dies im Pass vermerkt wird. Es wäre parallel dazu verboten, sich „nur“ als Deutscher
    registrieren zu lassen.

    Jeder Politiker, jede Behörde, jede Person des öffentlichen Lebens, die so etwas öffentlich fordern würde, könnte im Anschluss den Hut nehmen. Für immer.

    Man würde ihr zurecht rassistisches Gedankengut unterstellen. Man würde zurecht auf die dunkelsten Seiten der deutschen Geschichte hinweisen – die Nürnberger Rassengesetze – und man könnte sich auf ein gigantisches
    Rauschen im weltweiten Blätterwald einrichten. Die Frage, die im Raum stünde, würde lauten, ob das wiedervereinigte Deutschland erneut auf dem Trip sei, aus einer Demokratie ein REICH werden zu lassen.

    All diese Annahmen sind Fiktion. Und das ist auch gut so. Deutschland 2013 hat, wie viele andere Länder in der EU, ein Problem mit Menschen, die sich in sogenannten Parallelgesellschaften abschotten. Diese Abschottung hat vor
    allem mit Bildung, genau genommen mit sehr geringer Bildung zu tun.

    Religion oder ethnische Zugehörigkeit sind nicht die Ursache für Parallelgesellschaften, nur bietet sich diese populistische „Erkenntnis“ an. Z.B. wenn man Sarrazin heißt und Bücher verkaufen will.

    Wäre eine spezielle Religion oder spezielle ethnische Zugehörigkeit ein Unterschichten-Garant, dann müsste es im Umkehrschluss „Ersatz“-Religionen geben, die das Abdriften in eine Parallelgesellschaft verhindern würden.

    So eine Religion, so eine ethnische Gruppe existiert nicht. Du kannst auch als in Deutschland lebender Katholik mit Wurzeln in Spanien ein gewalttätiger Schläger sein. Du kannst auch als Deutscher mit jüdischen Wurzeln alles tun, um dich unter gar keinen Umständen zu integrieren. Du
    kannst aber auch als Moslem, dessen Eltern aus Libyen stammen, in Deutschland Karriere machen und deine Mitmenschen immer wieder auf die Vorteile der Trennung zwischen Staat und Kirche verweisen. Auf die absolute
    Privatangelegenheit Religion.

    Was wir sagen wollen: Pauschalurteile sind immer falsch, denn sie scheren alle Menschen über einen Kamm. Wohin das führt, weiß man in der BRD und hat entsprechende Antennen für Rassismus entwickelt.

    Diese Antennen wünscht man sich dieser Tage erneut für die Bürger Israels, die sich nicht mehr als „Israelis“ beim Einwohnermeldeamt registrieren lassen dürfen. Sie müssen ab sofort und zwingend ihre Religion angeben. So entschied jetzt ein Jerusalemer Gericht.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-gemeinsame-saekulare-identitaet-abgelehnt-a-926138.html

    Der Staat Israel ist damit ganz offiziell kein säkularer Staat mehr. Auch die Bezeichnung „einzige Demokratie“ ist damit nicht mehr gültig. Israel ist ein Land, das auf den Vorurteilen von Siedlern aufgebaut wurde. Diese Siedler kamen und kommen bis heute vor allem aus Europa und den USA und
    sind klassische Kolonialisten. Ihr Ziel ist die Verdrängung der Ureinwohner und damit vor allem der Moslems. Aber auch als Christ hat man in Israel zunehmend schlechte Karten. Es sei denn, man bekennt sich bedingungslos zu einem jüdischen Staat.

    Gibt es irgendwo auf der Welt einen offiziell als solchen bezeichneten „christlichen Staat“? Und was hält der Westen von Staaten, die sich als islamisch bezeichnen, und in denen andere Religionen massiv unterdrückt werden?

    Wir, der Westen und ganz besonders Deutschland, machen uns bezüglich der rassistischen Staatsdenke in Israel zunehmend mitschuldig, wenn wir es unkommentiert hinnehmen, dass die israelische Regierung seine Bürger
    zwingt, sich religiös „erfassen“ zu lassen, und wo es uns egal ist, dass man Jude sein MUSS, um wirklich in den Genuss ALLER demokratischen Rechte und Errungenschaften kommen zu können.

    Du darfst kein Christ sein in Israel, und schon gar kein Araber, sonst gilst du nicht als vollwertiges Mitglied der israelischen Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die immer offener auch gegen dunkelhäutige Juden, beispielsweise aus Äthiopien hetzt.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/integration-in-israel-eine-bedrohung-fuer-den-juedischen-staat-a-715510.html

    Der Rassismus, wie er von Thilo Sarrazin salonfähig gemacht wurde, ist nicht nur in der BRD auf dem Vormarsch und hat in Israel seit Jahrzehnten eine feste Basis. Diese Basis aber ist nicht das Ergebnis einer Veränderung in der israelischen Gesellschaft, sondern die DNA des Staates Israel.

    Rassismus ist wie eine Art Katalysator, der nötig ist, um ein Land wie Palästina mittels Siedlerkolonialismus gegen jegliches Völkerrecht an sich zu bringen.

    Im Ausland ist die Erkenntnis, dass Zionismus auch nur Rassismus ist, lange kein Tabu mehr. Hier arbeiten seit Langem Rassismusforscher, Experten für Kolonialismus und Historiker Hand in Hand, um das „Experiment“ Israel wissenschaftlich einzuordnen. Dieses Experiment verwandelt sich zunehmend in einen Albtraum für alle Bürger des scheinheiligen Landes, denn der staatlich „legitimierte“ Rassismus gegenüber allen nichtjüdischen Bürgern in Israel hat auch einen immer größeren negativen Impact auf das gesamte soziale Klima in diesem Land.

    Man kann nicht permanent über das religiöse Abdriften von Staaten wie Ägypten, Iran oder die Türkei schimpfen, aber Israel wenn es ähnlich agiert vollkommen ausblenden.

    KenFM sprach vor kurzem mit Petra Wild, ihres Zeichens Islamwissenschaftlerin und Autorin des Buches „Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina: Der zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat“ – ein Gespräch in zwei Teilen.

    Die besondere Leistung der auch arabisch sprechenden Autorin aus Berlin besteht darin, die stets als komplex verkaufte Gemengelage in Israel als das offen zu legen, was sie in Wahrheit ist. Das Resultat von Siedlerkolonialismus, wie er überall auf diesem Planten schon zahlreiche Vorläufer hatte.

    Israel ist kein Sonderfall, sondern fügt sich mit all seinen rassistischen Tagesereignissen, die nur das Symptom der Ursache Kolonialismus sind, nahtlos in die Geschichte von Gesellschaften ein, die als Siedler fremde Länder betraten, um die dortige Bevölkerung zu kolonialisieren. Immer mit
    der Begründung, selber eine höhere Lebens- und Kulturform darzustellen.

    Dieses zweiteilige Gespräch und Wilds Buch geben auch demjenigen, der sich schon lange mit dem Konflikt in Palästina beschäftigt hat, einen Generalschlüssel in die Hand, der hilft, klar zu sehen, was sich wirklich und bis heute in Israel abspielt. Tagespolitik aus diesem Land, wie aktuell das „Zwangsbekenntnis“ zur Religion, werden so zu einem Puzzleteil, das nicht mehr verwirrt, sondern passt. Es ist logisch. Aber es bleibt rassistisch.