Kiesewetter-Mord: V-Frau widerspricht NSU-Beteiligung

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http://juergenelsaesser.wordpress.com/ – Aus der aktuellen Ausgabe COMPACT 8/2013.

Stauffenbergs Erzählungen

Der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter wird immer rätselhafter: Eine V-Frau behauptet, dass die Täter nicht vom NSU kamen, sondern von der NPD. Ihr Freund wollte angeblich eine Söldnertruppe für Afrika zusammenstellen.

Von Kai Voss (aus: COMPACT 8/2013)

Bei „Stauffenberg“ muss jeder sofort an den adligen Offizier denken, der, seinem Gewissen folgend, seinen Treueschwur brach und am 20. Juli 1944 einen Anschlag auf Adolf Hitler verübte. Vielleicht sah sich auch der Spitzel Torsten Ogertschnik in dieser Lage, als er 2003 den Nationalsozialistischen Untergrund entdeckt haben wollte.

Im Sommer 2003 wandte sich dieser Ogertschnik jedenfalls als „Stauffenberg“ an einen protestantischen Geistlichen aus dem Raum Heilbronn, der für ihn Kontakt zum Geheimdienst herstellen sollte. Günter Stengel, Mitarbeiter des Landesamtes für Verfassungsschutz im Ländle, reiste zu dem merkwürdigen Informanten und befragte ihn. Als im November 2011 die Namen zweier toter Bankräuber in Eisenach bekannt wurden, erinnerte er sich daran, dass er den einen schon 2003 von Ogertschnik alias „Stauffenberg“ gehört hatte: Uwe Mundlos. Der war ihm im Gedächtnis geblieben, weil er mit seinem Informanten Scherze darüber gemacht hatte, wie bezeichnend der Name doch sei. Auch das Kürzel NSU habe er sich damals gemerkt, weil er nachfragte, ob seinem Gegenüber bewusst sei, dass dies Buchstabenkombination auch für das nahegelegene Neckarsulm stehe.

Hatte Ogertschnik also bereits sehr früh einen sehr konkreten Hinweis auf den NSU und Mundlos an die Behörden gegeben? Seltsam ist, dass er selbst, als er im November 2011 von der Polizei befragt wurde, die Angaben des Verfassungsschützers bestritt. Er habe weder Kontakte in die rechte Szene gehabt, noch sage ihm der Name Mundlos etwas. Noch seltsamer: Ogertschnik hatte, bevor er als „Stauffenberg“ firmierte, bereits unter dem Decknamen „Erbse“ gearbeitet – und zwar just für den schwäbischen Verfassungsschutz. Das wiederum wollte Verfassungsschützer Stengel nicht gewusst haben… Um die Verwirrung komplett zu machen, behauptet mittlerweile ein Insider, nicht Ogertschnik sei die Person hinter „Stauffenberg“ und „Erbse“, sondern ein gewisser Marcus Alexander Bischoff. Alle diese Punkte machen es zweifelhaft, dass tatsächlich schon in besagtem Gespräch im Jahr 2003 der Hinweis auf den NSU und Mundlos gefallen ist. Oder wird nur Verwirrung gestiftet, um es zweifelhaft erscheinen zu lassen?

Noch toller sind die Angaben, die eine andere V-Frau aus dem Schwabenland macht. Nach dem angeblichen Doppelselbstmord der beiden NSU-Uwes im November 2011 schickten diese Petra Senghaas, Deckname „Krokus“, und ihr Lebensgefährte Alexander Gronbach E-Mails an verschiedene Behörden, um Informationen zum NSU und dem Heilbronner Polizistenmord an Michèle Kiesewetter weiterzugeben. Die Behörden wiegelten in der üblichen vertuschenden Manier ab. Daraufhin schrieben die zwei Tippgeber etliche Abgeordnete an, die erstaunt waren über den Detailreichtum der empfangenen Geschichte. Schnell war klar: Das sind keine Spinner, sondern Leute mit vielen Kenntnissen aus dem und über den Verfassungsschutz.

Frau Senghaas war als Informantin angeworben worden, weil sie gute Kontakte in die rechte Szene hatte, obwohl sie selbst nicht dazugehörte. Eine Freundin von ihr war mit einem rechtsextremen Funktionär liiert, außerdem schöpfte sie ihre Friseurin Nelly R. aus Schwäbisch Hall ab, die bei den Landtagswahlen 2011 für die NPD antrat. Der Spiegel berichtet aus einem vertraulichen Papier: „Dem Grunde nach handelt es sich bei Informant ‘Krokus’ um die ‘geborene Quelle’. Sie ist zuverlässig, verschwiegen und überaus einsatzwillig (…).” Von 2007 bis 2011 sei die Zusammenarbeit immer besser geworden, „Krokus“ bekam die zweithöchste Glaubwürdigkeitsstufe des Amtes.

„Krokus“ berichtet über den Heilbronner Polizistenmord, dass nicht das NSU-Trio, sondern Neonazis aus dem Landkreis Schwäbisch Hall darin verwickelt seien. Gegenüber dem Haller Tagblatt identifizierte sie NPD-Funktionäre und Privatpersonen. Die Zeitung hat deren Konterfeis mit Phantombildern abgeglichen, die nach dem Heilbronner Polizistenmord aufgrund von Zeugenaussagen erstellt wurden, und eine gewisse Ähnlichkeit festgestellt. Wem diese Phantombilder jedenfalls keinesfalls ähneln, sind Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. „Die Redaktion konnte in die geheimen Ermittlungsakten zum Polizistenmord blicken: Die Zeugen berichten von bis zu sechs Tätern (…). Kurios: Es sind Aussagen und Phantombilder abgedruckt, die vom Polizisten Martin A. stammen [Kiesewetters Kollegen, der bei der Schießerei schwer verletzt wurde] – obwohl von den Behörden kommuniziert wird, er könne sich nicht an die Tat erinnern.“

Über ihre NPD-Friseurin wollte „Krokus“ auch erfahren haben, dass Rechtsextreme mit Hilfe einer Krankenschwester herauszufinden versuchten, ob sich der schwer verletzte Martin A. an irgendetwas im Zusammenhang mit der Ermordung Kiesewetters erinnern würde. Wenn dies der Fall sei, müsse „etwas unternommen“ werden. „Krokus“ meldete dies ihrem V-Mann-Führer mit dem Alias „Rainer Öttinger“ und nannte konkrete  Namen. „Öttinger“ soll ihr daraufhin gesagt haben, sie müsse sich aus der Sache heraushalten. Derselbe „Öttinger“ soll auch 2003 die Information seines Kollegen Stengel über die Aussage von „Stauffenberg“ zum NSU unterdrückt haben…

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Neben „Öttinger“ ist aber auch Gronbach eine dubiose Figur. Wie linke Medien melden, hat Gronbach früher versucht, Söldner für einen Einsatz im afrikanischen Ghana zu rekutieren. Laut Neues Deutschland steckte er überdies selbst früher in der rechten Szene, bevor er 2010 mit Senghaas zusammenkam. Sucht man nach Gronbach in den Weiten des Internets, findet man tatsächlich eine Forumsanfrage, in der ein Alexander Gronbach aus Langenburg – in der Nähe von Heilbronn und zufällig auch der Heimatort von Senghaas – versucht, eine Mannschaft militärerfahrener Männer zusammenzustellen. Nun wird es interessant: Jemand aus dem Forum beschreibt einen nächtlichen Chat mit Gronbach. Er sei Fernspäher gewesen, möge keine „Bimbos“, kenne Joschka Fischer seit seiner Kindheit – und sein Auftrag für einen Einsatz in Ghana komme von der Bundesregierung. Und dieser Haudegen ist mit einer Frau zusammen, die auf NPD-Hintergründe des Mord an der Polizistin Kiesewetter aufmerksam macht und von den Behörden selbst ausgebremst wurde?

Mehr und mehr bekommt man den Eindruck, dass sich bei der NSU-Affäre, beziehungsweise ihrer Untersuchung, verschiedene Seilschaften innerhalb der Geheimdienste an die Gurgel gehen: „Stauffenberg“ gegen Stengel, Stengel  gegen „Öttinger“, „Öttinger“ gegen „Krokus“, Grombach gegen „Öttinger“. Aus dem Interview mit dem Thüringer Verfassungsschutz-Chef Helmut Roewer (in COMPACT 6/2013) wissen wir, dass auch zwischen Jena, Chemnitz und Zwickau ein Grabenkrieg zwischen Polizeiermittlern und Schlapphüten tobte, beide werfen sich die Deckung des untergetauchten NSU-Trios vor.

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* Kai Voss, Behördenmitarbeiter in Dresden, hat das Sonderheft COMPACT-Spezial Operation „Nationalsozialistischer Untergrund – Neonazis, V-;Männer und Agenten verfasst (84 Seiten, 8,80 Euro, erhältlich unter shop.compact-magazin.com).