NSU und Staatsterrorismus: Exklusiver Beitrag in der neuen COMPACT

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1. Dez. 2013Aus COMPACT 12/2013: Es gibt viele V-Männer in der NSU-Affäre, aber keiner war gewalttätiger als Carsten Szczepanski alias Piatto. Beweise, dass er auch noch während seiner Spitzeltätigkeit Sprengstoffanschläge vorbereitet hat, werden bis heute vom Staat unterdrückt.

+++ Achtung: Das Interview mit dem Nazi-Aussteiger Nick Greger, der die Terroraktivitäten des V-Mannes “Piatto” bezeugt und bis heute vom Staat eingeschüchtert wird, nicht über “Piatto” auszusagen, findet sich in COMPACT 12/2013 (Printausgabe). Eine einstündige Fassung des Gespräches mit dem Zeugen Nick Greger geht vermutlich am 4. Dezember bei COMPACT TV online. +++

Der Staatsterrorist_von Jürgen Elsässer

Wer kennt die V-Männer, zählt die Namen? Dutzende Geheimdienstler wurden auf Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach deren Untertauchen 1998 angesetzt. Die Informationen, die sie und ihre bezahlten Helfer aus der rechten Szene lieferten, versandeten in der Bürokratie oder wurden geschreddert. Aber von all diesen Agenten und Hiwis stehen bisher nur zwei im Verdacht, nicht nur gespitzelt  und/oder dem Trio geholfen zu haben, sondern auch selbst direkt in die Verbrechen verwickelt zu sein, die dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zur Last gelegt werden.

Der eine ist Andreas Temme, bis heute hessischer Staatsbediensteter. Als am 4. April 2006 Haliz Yozgat in einem Kasseler Internet-Cafe erschossen wurde, war der damalige Verfassungsschützer zur Tatzeit vor Ort – während keiner der zahlreichen Zeugen einen der beiden NSU-Uwes gesehen hat. (vgl. COMPACT 1/2013)

Führer der Meute

Der zweite mutmaßliche Staatsterrorist steht bisher viel weniger im Fokus: Carsten Szczepanski alias Piatto (teilweise in den Akten auch Piato geschrieben), unter diesem Decknamen von mindestens 1994 bis 2000 V-Mann des Landesamtes für Verfassungschutz in Brandenburg. Bei ihm handelte es sich um einen widerlichen Brutalo, der alle Stereotype erfüllt, die dem landläufigen Bild  eines Neonazi entsprechen. Am 9. Mai 1992 führte der Ku-Klux-Klan-Anhänger einen Mordmob an, der den nigerianischen Asylbewerber Steve Erenhi in einer brandenburgischen Disco ins Koma prügelte und im nahen See beinahe ertränkte. Im Februar 1995 wurde Szczepanski wegen versuchten Mordes zu acht Jahren Haft verurteilt. Er habe die anderen Täter in einen regelrechten „Tötungsrausch“ getrieben, ausschlaggebend sei seine „tiefverfestigte rechtsradikale, neofaschistische, gewaltverherrlichende und menschenverachtende Gesinnung“ gewesen, hieß es im Richterspruch.

Trotz dieser Vorgeschichte wurde Szczepanski vom Verfassungsschutz als V-Mann Piatto weitergeführt, nachdem er sich bereits aus der U-Haft heraus dem Dienst angeboten hatte und im Juli 1994 unter Vertrag genommen worden war. Bis zu tausend Euro bekam er pro Monat, etwa 50.000 Euro bis zu seinem Ausscheiden. Das war die selbe Summe, die er als Schmerzensgeld seinem Opfer schuldete, aber niemals begleichen sollte…

Obwohl Piatto einsaß, führte er regelmäßig Aufträge als V-Mann aus. Zu diesem Zweck erhielt er großzügigen Freigang und wurde teilweise sogar von einer Fahrbereitschaft zu Treffen mit anderen Neonazis gefahren. Als Hans-Jürgen Förster 1996 Verfassungsschutzchef in Potsdam wurde, stolperte er über die Personalie Piatto. Er wollte den V-Mann so schnell wie möglich loswerden und beriet sich daraufhin mit seinem Dienstvorgesetzten, dem SPD-Innenminister Alwin Ziel. Auch dem war die Sache unheimlich. Warum Piatto trotzdem weiter beschäftigt wurde, schrieb der Spiegel am 28. April 2013: „Das Brandenburger Innenministerium hat sich den Einsatz eines gewalttätigen Neonazis als V-Mann von Ignatz Bubis absegnen lassen. Im Winter 1996/1997 ermunterte der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland den damaligen Innenminister Alwin Ziel, den verurteilten Rechtsextremisten Carsten S. weiter als Spitzel zu beschäftigen.“

Ende Januar 1998 tauchten Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos unter. Ab August 1998 gab Szczepanski Informationen über das Trio weiter, die aber zu keinem Fahndungserfolg führten. Elektrisierend war der Anruf des Neonazis Jan Werner auf Piattos vom Verfassungsschutz gestelltes Handy am 25. August um 19:21 Uhr: „Hallo, was ist mit dem Bums?“ Wollte er Sprengstoff von Piatto? V-Mann-Führer Gordian Meyer-Plath wiegelt ab: Zwar sei der Anruf auf Piattos Mobiltelefon eingegangen – dieser selbst aber habe sich an jenem Tag nicht dort befunden, wo sein Handy war. Ist das glaubhaft?

Bombenterror

Die bisher erwähnten Ungeheuerlichkeiten sorgten bei der Aussage des V-Mannführers Meyer-Plath Mitte April 2013 vor dem NSU-Untersuchungsausschuss für Empörung. Leider hat das Gremium die Karriere Szczepanskis nach seiner vorzeitigen Haftentlassung Ende 1999 nicht weiterverfolgt. Dazu heißt es im Abschlussbericht lediglich: „Im Kontext des Ausschusses ungeklärt blieb die Frage, inwieweit Piatto als klassischer Agent Provocateur den Aufbau der so genannten Nationalrevolutionären Zellen (NRZ) in Berlin-Brandenburg, die u. a. Anschläge auf politische Gegner planten, den Aufbau der rechtsterroristischen Strukturen (…)  mit vorangetrieben hat.“

Näheres hat der damalige Neonazi Nick Greger gegenüber COMPACT erzählt. Demnach stieg Piatto – er war immer noch V-Mann! – Anfang 2000 schnell in den Landesvorstand der brandenburgischen NPD auf. An Greger und andere rechte Kameraden wandte er sich mit dem Vorschlag, eine Wehrsportgruppe zu bilden. Zuerst sollte nur in den Wäldern bei Halbe für einen ominösen Tag X trainiert werden. Dafür besorgte Szczepanski eine Bauanleitung und Schwarzpulver für einen Sprengsatz, Greger baute die Rohrbombe. Auch ein Präzisionsgewehr wurde angeschafft. „Außerdem bot er uns eine tschechische Pistole an, Kaufpreis 600 D-Mark. Gottlob lehnte ich ab. Seit ich weiß, dass die sogenannten Döner-Morde mit einer tschechischen Ceska-83 begangen wurde, mache ich mir über dieses Angebot meine Gedanken“, sagte Greger gegenüber COMPACT im Rückblick.

Nachdem Anfang Mai 2000 Piattos PKW abgefackelt worden war, angeblich von Antifas, forderte der V-Mann seine Zöglinge zum sofortigen Losschlagen auf. „Wir sollten unsere Waffen gezielt gegen Linke einsetzen, das Auto eines Antifa-Aktivisten in die Luft sprengen. Zuerst waren wir bereit dazu, aber nach ein paar Tagen besannen wir uns. Eine ordentliche Tracht Prügel wollten wir denen verpassen, aber richtiger Terror – das war uns zu heiß.“ Der Rückzug vom bewaffneten Kampf wurde Greger übel vergolten: „Weil wir nicht bomben wollten, hat Piatto höchstwahrscheinlich versucht, sich doch noch ein paar Pluspunkte bei seinen Auftraggebern vom Verfassungsschutz zu erhaschen, indem er den Hinweis auf unsere Waffensammlung an die Behörden gab.“ Am 9. Juni 2000 stürmte das SEK die Wohnung Gregers. Nachdem er in seinen Aussagen die Rolle Piattos enthüllt hatte, wurde dieser als V-Mann abgeschaltet. Allerdings fiel der Agent Provocateur weich: Während Greger zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, musste Piatto nie vor Gericht erscheinen, obwohl er 1999 nur auf Bewährung aus der Haft entlassen worden war. Seither lebt Piatto, vom Staat kostspielig mit einer neuen Identität ausgestattet, unerkannt irgendwo zwischen Königs Wusterhausen und Kapstadt. Greger hingegen wird bis heute eingeschüchtert, damit er nicht mehr über diesen Staatsterroristen auspackt (s. das folgende Interview).

((Lesen Sie das Interview mit Nick Greger in der Printausgabe COMPACT 12/2013 – hier bestellen!))

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