Rotkäppchen-Syndrom macht Wölfen das Leben schwer

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Die Geschichte vom lieben Rotkäppchen, das vom bösen Wolf gefressen wird, war ursprünglich eine Volksüberlieferung, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Eine von mehreren Märchenversionen stammt von den Brüdern Grimm aus Deutschland.

Was tun, wenn ein Wolf den Waldweg kreuzt? „Ruhig stehen bleiben und sich freuen“, sagt Sebastian Körner. Der Biologe hat gut reden. Als Naturfotograf filmt er seit acht Jahren die Wölfe in der ostdeutschen Lausitz und bleibt stehen wie ein Baum, im Tarnanzug.

Seine Frau, Wildbiologin Gesa Kluth, ist den sächsischen Wölfen schon seit dem Jahr 2000 auf der Spur. Im Auftrag des Landes Sachsen erfasst und überwacht sie den Bestand der Einwanderer aus Westpolen.

Mittlerweile hat sie neun Wolfsfamilien gezählt: fünf in der Lausitz, drei in Brandenburg und eines in Sachsen-Anhalt. Carsten Nowak vom Labor für Wildtiergenetik im hessischen Gelnhausen, der mit Hilfe von Haaren und Kotproben die Wölfe molekulargenetisch identifiziert, spricht von zwölf Rudeln insgesamt. Immer wieder werden aber auch Einzelwölfe gesichtet.

Seit gut zehn Jahren gibt es wieder Wölfe in Deutschland

Der Wolf:

Der Wolf (Canis lupus)
ist vor rund 150 Jahren in Deutschland und anderen mitteleuropäischen Staaten ausgerottet worden. Er zog sich weit nach Nordeuropa zurück. Seit etwa 30 Jahren kehrt er langsam wieder in seine angestammten Gebiete zurück; vor etwa zehn Jahren kamen die ersten Tiere nach Deutschland. Der Bestand in Europa wird auf mehrere tausend Tiere geschätzt.

Zurzeit leben nach Angaben des Naturschutzbundes NABU

mehrere Rudel

in der Lausitz in Sachsen und Brandenburg. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sichteten Jäger und Umweltschützer mehrfach Wölfe. In Bayern, Sachsen-Anhalt, Hessen und Schleswig-Holstein wurden tote Tiere gefunden.

Der europäische Wolf wird bis zu

90 Zentimeter (Schulterhöhe) groß

und

140 Zentimeter lang

Er ernährt sich vor allem von Rehen, Rothirschen und Wildschweinen, reißt aber auch Schafe. In Notzeiten wird er zum Allesfresser, der sich ebenfalls auf Mülldeponien bedient.

Wölfe leben im Rudel. Die Jungtiere suchen im Alter von zwei bis drei Jahren ein

eigenes Revier

Die grauen Jäger, die kaum von Schäferhunden zu unterscheiden sind, werden international als

streng geschützte Art

eingestuft.

 

1904 war mit dem „Tiger von Sabrodt“ für lange Zeit der letzte Wolf nahe dem sächsischen Hoyerswerda erschossen worden. „Die vermeintliche Bestie entpuppte sich aber als Wölfchen“, sagt Nowak.

Seit Kriegsende, sagt der Molekulargenetiker, seien in Deutschland dann rund 40 Wölfe geschossen worden. Einschließlich der vergangenen Jahre, obwohl der Wolf seit 1987 in der Bundesrepublik und seit 1990 in ganz Deutschland unter Schutz steht.

Auf einem Truppenübungsplatz in der Muskauer Heide in Sachsen konnte sich 1998 ein Wolfspaar aus Westpolen ungestört ansiedeln. Im Frühjahr 2000 wurden vier Welpen geboren: Deutschland hatte seit mehr als 100 Jahren wieder ein Wolfsrudel. Sehr zum Verdruss der ortsansässigen Schäfer und der Jäger. Wölfe fressen Rehe und Hirsche, aber da Haustiere leichter und gefahrloser zu jagen sind, ziehen sie Schafe vor.

Anfang Mai 2002 rissen die jungen Wölfe 33 Schafe auf einer Weide in Mühlrose, das in einer waldreichen Gegend Ostsachsens liegt. Nun war die Aufregung groß. Die Schafbauern wurden mit Flatterband- und Elektrozäunen sowie mit Herdenschutzhunden ausgerüstet und werden seither vom Land für Verluste entschädigt.

 

Einzeltier reißt 70 Damhirsche, Rentiere und Schafe

Zuletzt sorgten im Februar 2011 die Angriffe eines einzelnen Wolfs auf das Tiergehege einer Schafherde im Müritzkreis bei Tierhaltern und Bevölkerung für Beunruhigung. Innerhalb von sieben Monaten hatte das Tier in der Region insgesamt 70 Damhirsche, Rentiere und Schafe in Gehegen getötet.

Zu den Lebensgewohnheiten der Wölfe gehört der ausgeprägte Wandertrieb. Das bewies etwa „Alan“, ein Jungwolf aus Sachsen, der mit einem Sender ausgestattet war.

Zwischen dem 23. April und 12. Oktober 2009 wanderte er bis nach Vilnius und überquerte dabei zwei Autobahnen nordwestlich von Warschau, bevor der Sender ausfiel. „Er hätte ebenso gut bis nach Paris wandern können“, sagt Gesa Kluth. Jungwölfin „Zora“ aus Altengrabow in Sachsen-Anhalt wanderte in diesem Frühling bis vor die Hamburger Stadtgrenzen.

Insgesamt 136 Wölfe wurden bisher in der Lausitz geboren, 26 davon im vergangenen Jahr. Die Familien aus Eltern, Welpen und Jährlingen, die jeweils ein Revier von etwa 250 bis 300 Quadratkilometer benötigen, breiten sich allmählich nach Westen hin aus. „Wölfe brauchen keine Wildnis“, sagt Gesa Kluth. In Italien leben 700 Wölfe mitten in der alten Kulturlandschaft des Apennin.

Angst wie vor dem bösen Wolf aus dem Märchen muss man aber nicht haben. Wölfe meiden normalerweise den Menschen. Doch das Rotkäppchen-Syndrom ist tief im deutschen Gemüt eingegraben.

In Oberbayern erhitzte unlängst ein Faltblatt von Bauern die Gemüter: Darin hieß es, der Wolf bedrohe nicht nur die Weidewirtschaft, sondern stelle auch eine direkte Gefahr für den Menschen dar. Umweltschützer protestierten gegen das Papier mit dem Titel „Ansiedelung von Wölfen: Haben Schafe, Ziegen und Rinder in den Alpen noch eine Zukunft?“.

faltblatt-DW-Wissenschaft-Muenchen

„Die Menschen vor Ort können sich nicht mehr frei bewegen und müssen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen“, so das Szenario in der Veröffentlichung. Almwirtschaft mit Weidehaltung müsse aufgegeben werden. Die Folgen seien weitreichend: Almweiden verbuschten, Menschen verlören ihre Lebensgrundlage, althergebrachtes Wissen und Bräuche wie der Almabtrieb gingen verloren. Das Faltblatt zeigt einen Wolf mit aufgerissenem Maul und gefletschten Zähnen neben einem weißen Lämmchen.

Naturschützer drohen zum Schutz der Wölfe mit Verfassungsklage

In Sachsen wird der Wolf wegen seiner geplanten Aufnahme in das Jagdrecht nun sogar zur Lex canis lupus: Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) drohen bereits mit einer Klage vor dem Verfassungsgericht.

Der Freistaat will Wölfe unter Jagdrecht stellen, aber ganzjährig schützen. Davon verspricht sich die Regierung ein größeres Engagement der Jäger beim sogenannten Wolfsmanagement.

Der NABU hält einen solchen Alleingang Sachsens für „fachlich widersinnig und rechtlich äußerst bedenklich“. Der Bund allein habe die Kompetenz zur vollständigen und umfassenden Regelung der Naturschutzgesetze. Den Bundesländern seien zwar individuelle und abweichende Regelungen eingeräumt worden. Davon sei der Artenschutz jedoch ausdrücklich ausgenommen, sagte NABU-Präsident Olaf Tschimpke. Sachsen verstoße daher eklatant gegen die Spielregeln des Miteinanders in Deutschland.

Tschimpke verwies darauf, dass schon heute „auffällige Wölfe“ geschossen werden dürfen. „Sollte es Probleme mit dem Wolf geben, wird das dort geregelt, wo die Jägerschaft längst vertreten ist: im sächsischen Wolfsmanagement. Eine rechtliche Änderung ist daher nicht nur überflüssig, sondern löst auch keine praktischen Probleme.“

Die Ermittlungen zum Abschuss einer Wölfin in Kosel bei Niesky (Landkreis Görlitz) wurden derweil ohne Hinweis auf einen möglichen Täter eingestellt. Die Staatsanwaltschaft in Görlitz konnte nach eigenen Angaben keinen Verdächtigen finden.

Sie hatte wegen Tötung eines Tieres und einer streng geschützten Art ermittelt. Die getötete Wölfin stammte aus dem Nochtener Rudel. Sechs Rudel leben ausschließlich auf sächsischem Territorium.

 

Hier noch kurz ein paar tolle Wolfsbilder:

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Quelle: Welt.de; Bushportal.net