Sanierungszwang nach Hagel-Schäden

hagelschc3a4den-kc3bcsterdingenVerordnung schreibt vielen betroffenen Hausbesitzern Dämmung vor – Bußgelder drohen
Nicht genug, dass Hagel vielerorts Dächer und Scheiben zerschlagen hat: Wer große Schäden am Haus hat, muss sich auch auf Mehrkosten für eine energetische Sanierung einstellen. Sonst drohen Bußgelder.
ANGELIKA BACHMANN

Hagelschäden in Kusterdingen (Kreis Tübingen): Mit Folien wurden durchlöcherte Dächer notdürftig abgedeckt. Drohen nun weitere Kosten? Foto: Manfred Grohe
Wem bei den Unwettern in den vergangenen Wochen der Hagel größere Teile der Dachfläche zerstört hat, ist schon froh, wenn er dieser Tage einen Dachdecker findet, der ihm den Schaden zügig repariert. Womöglich ist es aber nicht damit getan, Ziegel auszutauschen: Bei größeren Reparaturen sind Hausbesitzer verpflichtet, die Immobilie energetisch zu sanieren.
So steht es in der Energieeinspar-Verordnung (EnEV). Sie greift, wenn mehr als zehn Prozent der Dachfläche saniert und der Unterbau des Dachs samt Folien repariert werden muss. Das gleiche gilt für Fenster: Sind mehr als zehn Prozent zu Bruch gegangen, muss energetisch saniert werden.
Manche Hausbesitzer trifft das ebenso unverhofft wie das Hagelwetter. Meist erfahren sie erst davon, wenn der beauftragte Handwerker den Schaden begutachtet und dem Auftraggeber mitteilt, dass er das Dach gar nicht reparieren darf, ohne gleichzeitig zu dämmen. Tut er es doch, verstößt er gegen geltendes Recht.
Dabei gibt es keine Sonderregelungen, etwa weil Unwetter als höhere Gewalt gelten könnten. “Das Gesetz unterscheidet nicht, aus welchen Gründen man das Dach reparieren muss”, sagt Carsten Dehner, Pressesprecher des Tübinger Regierungspräsidiums.
Dabei sind die Aussagen über die Mehrkosten für die energetische Sanierung unterschiedlich. Im Stuttgarter Umweltministerium und im Regierungspräsidium Tübingen argumentiert man, für Hausbesitzer sei es eine gute Chance, alte Dächer nach einem Hagelschaden dämmen zu lassen. Den Großteil der Reparatur würde die Versicherung übernehmen. Und wenn das Dach dann ohnehin neu gedeckt werde, würden die Mehrkosten für die energetische Sanierung nur etwa zehn Prozent betragen. Die Verordnung verlange keine maximale Dämmung, sondern nur das, was angesichts der Reparaturen im Aufwand zumutbar sei.
Im Dachdeckerbetrieb erhält man andere Zahlen. Der Mehraufwand für die energetische Sanierung betrage etwa 50 bis 75 Prozent, sagt Gebhart Höritzer von der Tübinger Firma Peetz-Bedachungen. Bei einem durchschnittlichen Einfamilienhaus mit einer Dachfläche von rund 150 Quadratmetern ist man dann bei Kosten von mehr als 30 000 Euro. Das kann nicht jeder auf die Schnelle finanzieren. Von Hausbesitzern, die ausdrücklich nur eine Reparatur wollen, lassen sich die Handwerker deshalb ein Formular unterzeichnen. Darin bestätigen die Hausbesitzer, dass sie über die Pflicht zur energetischen Sanierung aufgeklärt wurden. Weiter heißt es: “Der Auftraggeber sichert zu, alle weiteren eventuell erforderlichen Maßnahmen zur Erfüllung der Anforderungen der Energieeinsparverordnung und DIN-Normen selbst vorzunehmen oder zu veranlassen.”
Damit sind die Handwerker rechtlich aus dem Schneider – Hausbesitzer aber noch lange nicht. Denn zur EnEV gehört auch ein Bußgeldkatalog. Auf der Internet-Seite EnEV-online steht, was Delinquenten droht: “Achtung: Wenn Sie die Außenbauteile des bestehenden Gebäudes vorsätzlich oder leichtfertig nicht gemäß den Anforderungen der EnEV 2009 ändern, handeln Sie ordnungswidrig im Sinne des Energieeinsparungsgesetzes (EnEG 2009). Die Geldbuße kann in diesem Fall bis zu 50 000 Euro betragen.”
Als Hausbesitzer kann man zwar versuchen, sich von der Sanierungspflicht befreien zu lassen. Entsprechende Anträge gehen an das Stuttgarter Umweltministerium. In der zuständigen Abteilung macht man allerdings klar, dass die Messlatte für Befreiungen sehr hoch liegt. Ein Grund ist zum Beispiel finanzielle Notlage. Man muss dann aber sein Einkommen offenlegen. Mit höherer Gewalt zu argumentieren, sei definitiv nicht ausreichend.
© Schwäbische Post 15.08.2013

gefunden beim Honigmann biene-meine-fliegt1