Serienmörder die Menschen in ihren Bann ziehen, Faszination Mörder

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Der deutsche Psychiater Borwin Bandelow geht der Frage nach, warum Mörder faszinieren. Anhand einer Reihe von Beispielen stellt er dar, wie Serienmörder die Menschen in ihren Bann ziehen – darunter auch Fälle aus Österreich.
700 Personen vorwiegend des öffentlichen Lebens – unter ihnen Lieraturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die Schauspielerin und Sängerin Erika Pluhar, der Literat Ernst Jandl – wollten ihre Hand ins Feuer legen, für den „Lebenslangen“, Jack Unterweger. Er war 1976 wegen der Ermordung einer Prostituierten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Im Gefängnis kam er als Schriftsteller zu Bekanntheit.
Er zog die Menschen in seinen Bann. Nach 14 Jahren Haft bewirkte unter anderem die Petition der 700 Unterweger-Befürworter, dass Unterweger vom Bundespräsident 1990 begnadigt und vorzeitig entlassen wurde. Unterweger, der „Häfnliterat“, war fortan gern gesehener Gast bei Promiveranstaltungen und in Talkshows. 1992 wurde der 44-Jährige in Miami erneut verhaftet. Er stand im Verdacht, in der Zeit seiner Freiheit elf Frauen ermordet zu haben, und er war mit einer 18-jährigen Österreicherin auf der Flucht gewesen.
Die Untersuchungshaft machte Unterweger offenbar begehrenswerter denn je: Eine betuchte Unternehmergattin bezahlte die Miete seiner Wohnungen, 14.000 Schilling (rund 1.000 Euro) monatlich, eine Klosterschwester schrieb ihm flammende Briefe, eine 14-Jährige aus Tirol und eine 17-Jährige aus Vorarlberg gestanden ihm ihre Liebe, eine Hausfrau klagte ihm ihr Leid: Sie werde von ihrem Ehemann geschlagen. Die damals 28-jährige Grazer Juristin Astrid Wagner besuchte ihn regelmäßig.
20 Jahre später gesteht sie im Buch Borlin Bandelows: „Ja, es ist schon so, dass er mich fasziniert hat.“ Sie spricht mit Bandelow über ihre Gefühle zu Unterweger und darüber, wie sie Graz beruflich verlassen musste, weil sie aufgrund ihrer Verbindung zu Jack Unterweger keine Anstellung als Rechtsanwältin mehr finden konnte. Unterweger verübte in der Nacht nach seiner Verurteilung Selbstmord in seiner Zelle.
Nicht Opfer genug: Natascha Kampusch
Der deutsche Psychiater Borlin Bandelow geht anhand einer Reihe von Mordfällen unter anderem der Frage nach, was Menschen an Mord und Totschlag fasziniert – und vor allem an den Menschen, die diese Taten begehen. Unter der Bildüberschrift „Nicht Opfer genug“ leitet er mit Natascha Kampusch ein Kapitel ein, in dem es um die Faszination der Öffentlichkeit zum Thema Täter-Opfer-Beziehung geht. Anhand dieses Beispiels versucht er unter anderem darzustellen, wie das Opfer Natascha Kampusch in Freiheit zum zweiten Mal in ihrem Leben ihrer Freiheit beraubt wurde, als Verfolgte der öffentlichen Meinung. Bandelow geht der Frage nach, warum verurteilte Serienmörder „Fanpost“ in die Zelle geschickt bekommen, mit herzzerreißenden Liebesbriefen und Bezeugungen, dass sie sie für unschuldig hielten.
Forschung spannend
Bandelow versucht anhand des Wissensstandes der Forschung zu klären, warum Menschen zu Mördern werden und warum manche immer wieder morden werden. Bandelows Schilderungen hören sich großteils eher journalistisch an als wissenschaftlich. Dennoch verlässt er nicht den Pfad der Forschung und trennt sauber, was als erforscht gilt, was als hypothetisch und was als spekulativ angenommen werden kann.
Univ.-Prof. Dr. Borwin Bandelow, Psychiater und diplomierter Psychologe, arbeitet an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Er zählt zu den weltweit bekanntesten Angstforschern und hat zahlreiche Fachbücher und -aufsätze veröffentlicht.

Borwin Bandelow: „Wer hat Angst vorm bösen Mann? Warum uns Täter faszinieren“, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2013; www.rowohlt.de

diekriminalisten.at, 11. August 2013