Vierte Gewalt

bund21.11.2013
BERLIN/POTSDAM
– Die Bundeswehr sucht ihren Einfluss auf die Medienberichterstattung über militärpolitische Themen zu verstärken. Das hierfür notwendige Know-how soll unter anderem eine am heutigen Donnerstag beginnende Expertenkonferenz liefern. Auf dem Programm der vom „Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften“ der deutschen Streitkräfte ausgerichteten Veranstaltung stehen Fragen des „Medienmanagements“ und Maßnahmen zur Entwicklung einer einheitlichen „Kommunikationsstrategie“. Besondere Aufmerksamkeit wird die Tagung zudem dem Umgang mit vor allem von Jugendlichen genutzten Social-Media-Diensten im Internet widmen. Die Vorstellung der Ergebnisse der alljährlichen „Bevölkerungsumfrage“ der Bundeswehr zum Image des deutschen Militärs soll einen weiteren Schwerpunkt des zweitägigen „Workshops“ bilden. Den für die demoskopische Erhebung Verantwortlichen zufolge ist es unabdingbar, nicht nur die Propaganda gegenüber Schülern, Studierenden, Gewerkschaftern und Kirchenvertretern deutlich zu „intensivieren“, sondern auch zentrale Werbebotschaften „in den Kontext von Radio- bzw. Fernsehsendungen mit großer Reichweite zu platzieren“.
Medienmanagement
Wie das „Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften“ der Bundeswehr (ZMSBw) mitteilt, wird es heute und morgen einen medienpolitischen „Workshop“ in der Berliner Vertretung des Landes Niedersachsen ausrichten. Gemeinsam mit Kommunikationswissenschaftlern und PR-Fachleuten will man nach eigener Aussage das „Medienmanagement“ der deutschen Streitkräfte „in Krisensituation(en)“ erörtern und daraus Empfehlungen für die Gestaltung der Militärpropaganda ableiten. Die Veranstaltung richtet sich vorrangig an „Mitarbeiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr“; als Kooperationspartner firmiert die von der deutschen Armee unterhaltene „Akademie für Information und Kommunikation“ (AIK), die vormalige „Schule für Psychologische Kampfführung/Verteidigung“.[1]
Kommunikationsstrategien
Zu den Vortragenden des zweitägigen „Workshops“ zählen etliche Nachwuchswissenschaftler formal ziviler deutscher Hochschulen. So wird etwa die Soziologin Dinah Schardt von der Universität Heidelberg darüber referieren, wie sich die Kriegsoperationen der Bundeswehr in Afghanistan in den „Unterhaltungsformaten“ inländischer Massenmedien widerspiegeln.[2] Schardt ist anscheinend bereits seit längerem fest in militärpolitische Netzwerke eingebunden: Ende 2011 erhielt sie den seinerzeit erstmals vom „Bundesverband Sicherheitspolitik an Hochschulen“ (BSH) vergebenen Nachwuchspreis „Goldene Eule“. Die akademische Organisation des Reservistenverbandes prämierte damit ihre Arbeit über den „politischen Umgang mit Tod und Verwundung im Afghanistaneinsatz“.[3] Schardt zur Seite stehen die jungen Militärhistoriker Marc Chaouali (Universität Marburg) und Philipp Fraund (Universität Konstanz). Während Chaouali die „Rolle der Medien in der Debatte um Auslandseinsätze der Bundeswehr“ thematisieren wird, spricht Fraund über „Pressepolitik und Kommunikationsstrategien“ des deutschen Militärs.[4] Letzteres entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie: Die Konstanzer Hochschule hat sich durch eine sogenannte Zivilklausel verpflichtet, nicht mit Streitkräften und Rüstungsindustrie zu kooperieren.
Wir. Dienen. Deutschland.
Integraler Bestandteil des „Workshops“ ist die Präsentation der Ergebnisse der diesjährigen „Bevölkerungsumfrage“ zum Image der Bundeswehr. Im Mittelpunkt der vom ZMSBw gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid durchgeführten Erhebung standen die öffentliche Wahrnehmung der deutschen Streitkräfte sowie Bekanntheit und Bewertung des militärpolitischen Propagandaslogans „Wir. Dienen. Deutschland.“ Insgesamt zeigt sich das ZMSBw mit den ermittelten Resultaten überaus zufrieden. Die Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung habe eine „positive Einstellung zur Bundeswehr“, heißt es; lediglich jeder fünfte Befragte stehe den Streitkräften „negativ gegenüber“. Auch der Werbespruch „Wir. Dienen. Deutschland“ wird laut ZMSBw von den meisten Teilnehmern der Untersuchung geschätzt; er wirke „verständlich“, „glaubwürdig“ und „sympathisch“. Ein Problem sehen die Militärs allerdings darin, dass nur ein Fünftel der Befragten den Slogan überhaupt kennt: „Der Vergleich mit anderen Claims macht deutlich, dass der Bekanntheitsgrad mit 20 Prozent weit unter dem Durchschnittswert von 62 Prozent liegt.“ Das „kommunikative Potenzial“ des Werbespruchs, das vor allem darin bestehe, der Bundeswehr neue Rekruten zuzuführen, werde somit „nicht voll genutzt“.[5]
Tag der Bundeswehr
Um Abhilfe zu schaffen, empfiehlt das ZMSBw zum einen, die militärpolitische Propaganda gegenüber Schülern, Studierenden, Gewerkschaftern und Kirchenvertretern deutlich zu „intensivieren“. So müsse etwa darüber nachgedacht werden, „die Tage der offenen Tür, die weitgehend unabhängig voneinander an zahlreichen Standorten durchgeführt werden, zu koordinieren und zu einem ‚Tag der Bundeswehr‘ weiterzuentwickeln“. Zum anderen fordern die PR-Strategen des deutschen Militärs, nicht nur mit Plakaten, Internetseiten oder Broschüren um Nachwuchs zu werben, sondern die zentralen Propagandabotschaften „in den Kontext von Radio- bzw. Fernsehsendungen mit großer Reichweite zu platzieren“: „Eine Beschränkung auf die von der Bundeswehr produzierten Kommunikationsangebote würde zu geringe Fortschritte erbringen.“[6]
Willkommen beim Bund
Besonderes Augenmerk richten die Organisatoren des „Workshops“ in diesem Zusammenhang auf sogenannte Social-Media-Dienste im Internet wie Facebook, Twitter, Flickr und YouTube. Das Tagungsprogramm sieht gleich zwei Vorträge zum Thema vor: Der ehemalige Redakteur des Magazins „Focus“ und Betreiber des Webblogs „Augen geradeaus“, Thomas Wiegold, soll über „Bundeswehr und Social Media aus journalistischer Sicht“ referieren, während Fregattenkapitän Axel Schrader vom Presse- und Informationsstab des Verteidigungsministeriums den Standpunkt des Militärs dazu erläutern wird.[7] Einen propagandistischen Coup konnten die deutschen Streitkräfte in dieser Hinsicht bereits landen. Am 1. Oktober dieses Jahres übernahm das „Social-Media-Team“ der Truppe die zuvor von einem Privatmann betriebene Facebook-Seite „Willkommen beim Bund“. Das PR-Manöver könnte sich lohnen: „Willkommen beim Bund“ verfügt über 220.000 registrierte „Fans“, die offizielle Seite der Bundeswehr „Wir.Dienen.Deutschland“ gerade einmal über ein Zehntel davon.[8]
Zur Funktion des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) innerhalb des deutschen Militärapparats lesen Sie bitte auch: Trendsetter.
[1] Workshop Bundeswehr und Medien; www.mgfa-potsdam.de
[2] Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Abteilung Bildung – Bereich Medien: Workshop „Bundeswehr und Medien in der jüngsten Geschichte und heute“ (Programm)
[3] Erste „Goldene Eule“ an junge Wissenschaftler verliehen; www.reservistenverband.de
[4] Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Abteilung Bildung – Bereich Medien: Workshop „Bundeswehr und Medien in der jüngsten Geschichte und heute“ (Programm)
[5], [6] Thomas Bulmahn/Meike Wanner (Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr): Ergebnisse der Bevölkerungsumfrage 2013 zum Image der Bundeswehr sowie zur Wahrnehmung und Bewertung des Claims „Wir. Dienen. Deutschland.“ Potsdam, August 2013
[7] Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Abteilung Bildung – Bereich Medien: Workshop „Bundeswehr und Medien in der jüngsten Geschichte und heute“ (Programm)
[8] Bundeswehr übernimmt Facebook-Seite von Ex-Zivi; www.handelsblatt.com 01.10.2013

gefunden bei: http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58740